Predigt am 16. August 2026 · Feier des 13. August 1727
Lukas 18, 9-14
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Liebe Schwestern und Brüder,
zwei Menschen gehen in den Tempel. Beide suchen die Nähe Gottes. Beide beten. Von außen betrachtet tun sie dasselbe – und doch könnten ihre Gebete kaum unterschiedlicher sein.
Der eine steht aufrecht da und sagt: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute.“ Dann zählt er auf, was er alles richtig macht. Er fastet. Er gibt den Zehnten. Er hält sich an die Gebote. Und wahrscheinlich stimmt das alles. Jesus behauptet nicht, dass dieser Mensch lügt. Er ist vermutlich wirklich fromm, gewissenhaft und zuverlässig.
Aber in seinem Gebet gibt es kaum Platz für Gott. Der Pharisäer spricht zwar Gott an, doch eigentlich redet er nur über sich selbst. Und während er sich selbst erhöht, macht er den anderen klein: „Ich bin nicht wie dieser Zöllner.“
Der Zöllner dagegen bleibt weit hinten stehen. Er schlägt die Augen nicht zum Himmel. Er schlägt sich an die Brust und betet nur einen einzigen Satz: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Mehr hat er nicht vorzuweisen. Keine Leistungen. Keine Entschuldigungen. Keinen Vergleich mit anderen. Er steht mit leeren Händen vor Gott. Und Jesus sagt: Dieser Mensch ging gerechtfertigt nach Hause – nicht der andere.
Das ist eine unbequeme Geschichte. Denn der Pharisäer ist nicht einfach ein schlechter Mensch. Er tut vieles, was richtig ist. Sein Fehler besteht nicht darin, dass er seinen Glauben ernst nimmt. Sein Fehler liegt darin, dass er aus seinem Glauben einen Maßstab macht, mit dem er sich über andere erhebt. Er braucht, ja er gebraucht den anderen, um sich selbst gut fühlen zu können.
Vielleicht liegt darin eine Versuchung, die uns allen vertraut ist. Wir vergleichen uns: mit den Menschen, die weniger tun als wir; mit denen, die seltener zum Gottesdienst kommen; mit denen, die anders glauben, anders denken oder anders leben. Manchmal vergleichen sich auch Gemeinden miteinander: Wir haben die bessere Tradition. Wir sind offener. Wir sind bibeltreuer. Wir sind moderner. Wir sind engagierter. Wir haben verstanden, worauf es ankommt. Dann wird aus dem Dank an Gott sehr schnell ein leises Eigenlob: „Gott, ich danke dir, dass wir nicht sind wie die anderen.“
Heute erinnern wir uns an den 13. August 1727, den Tag der Erneuerung der Brüdergemeine. Wir erinnern uns an einen großen Tag unserer Geschichte. Aber gerade der Predigttext dieses Sonntags bewahrt uns davor, aus diesem Gedenken eine Selbstfeier zu machen. Denn auch die Menschen im damaligen Herrnhut waren nicht von Anfang an ein Herz und eine Seele. Sie waren Glaubensflüchtlinge unterschiedlicher Herkunft. Sie brachten verschiedene Überzeugungen, Frömmigkeitsformen und Erwartungen mit. Es kam zu Streit, Misstrauen und gegenseitigen Verurteilungen. Jede Gruppe meinte, den richtigen Glauben und die richtige Erkenntnis zu besitzen.
Die Erneuerung begann nicht damit, dass eine Seite endlich gewann. Sie begann auch nicht damit, dass alle Unterschiede verschwanden. Sie begann damit, dass Menschen ihre eigene Bedürftigkeit erkannten.
Zinzendorf beschrieb es später sinngemäß so: Alle, die damals beisammen waren, waren mit sich selbst unzufrieden. Jeder wusste, dass er vor Gott nichts vorzuweisen hatte. Und in diesem Bewusstsein kamen sie gemeinsam vor den Heiland.
Das klingt erstaunlich ähnlich wie das Gebet des Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Am 13. August 1727 kamen die zerstrittenen Menschen gemeinsam zum Abendmahl. Vor Christus konnten sie ihre Überlegenheit nicht festhalten. Sie empfingen alle dasselbe Brot und denselben Kelch. Sie lebten alle von derselben Vergebung. Niemand hatte einen besseren Platz am Tisch des Herrn.
Und dort geschah Erneuerung. Menschen, die einander misstraut hatten, erkannten einander als Schwestern und Brüder. Später fassten sie ihre Erfahrung in die einfachen Worte: „Wir lernten einander lieben.“ Sie lernten es. Das bedeutet: Diese Liebe war nicht selbstverständlich. Sie musste ihnen geschenkt werden. Sie entstand nicht aus ihrer eigenen moralischen Kraft, sondern aus der Erfahrung der Gnade.
Genau das geschieht auch im Gleichnis Jesu. Der Zöllner geht nicht gedemütigt und niedergeschlagen nach Hause. Er geht gerechtfertigt nach Hause. Gott richtet ihn auf. Wer sich vor Gott nicht größer machen muss, als er ist, kann von Gott neu gemacht werden.
Christliche Demut bedeutet deshalb nicht, sich selbst zu verachten. Sie bedeutet, wahrhaftig vor Gott zu werden. Ich muss meine Fehler nicht verstecken. Ich muss meine Leistungen nicht herausstellen. Ich muss andere nicht kleiner machen, damit ich selbst etwas gelte. Mein Leben liegt in Gottes Händen. Ich lebe von seiner Gnade. Das kann auch unser Zusammenleben verändern.
Solange ich beweisen muss, dass ich recht habe, kann ich dem anderen kaum zuhören. Solange ich mich für besser halte, kann ich den anderen nicht wirklich als Schwester oder Bruder ansehen. Solange ich meine Fehler rechtfertige, ist Versöhnung fast unmöglich.
Wo wir aber gemeinsam beten: „Gott, sei uns gnädig“, dort muss niemand mehr gewinnen. Dort können wir Schuld eingestehen. Dort können wir einander zuhören. Dort kann Verhärtetes weich und Getrenntes wieder verbunden werden.
Im kommenden Jahr jährt sich der 13. August 1727 zum dreihundertsten Mal. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was ist damals in Herrnhut geschehen? Die entscheidende Frage lautet: Wo brauchen wir heute Erneuerung?
Wo haben sich unter uns Enttäuschungen und Verletzungen festgesetzt? Wo reden wir übereinander, statt miteinander? Wo betrachten wir unsere Tradition als Besitz, anstatt sie als Auftrag zu verstehen? Wen übersehen wir? Wem bleiben wir etwas schuldig? Wo warten wir darauf, dass der andere den ersten Schritt tut? Eine Gemeinde wird nicht dadurch erneuert, dass sie besonders stolz auf ihre Vergangenheit ist. Sie wird erneuert, wenn Menschen heute neu vor Christus treten – mit leeren Händen, aber mit offenem Herzen.
Wir dürfen dankbar sein für unsere Geschichte. Wir dürfen uns an den Mut, den Glauben und die weltweite Ausstrahlung der Brüdergemeine erinnern. Doch ihre Geschichte wird nur dann lebendig bleiben, wenn aus dem Erinnern neues Vertrauen, neue Liebe und neue Bereitschaft zur Versöhnung entstehen.
„Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh.“ Unsere Einheit entsteht nicht dadurch, dass wir alle gleich werden. Sie entsteht dadurch, dass wir gemeinsam in Gottes Herzen Ruhe suchen. Christus ist die Mitte, nicht unsere Meinung, nicht unsere Leistung und auch nicht unsere Tradition. Er ist das Haupt, wir sind seine Glieder. Wir leben alle von derselben Gnade.
Zwei Menschen gingen in den Tempel, um zu beten. Der eine kam mit vollen Händen und ging unverändert wieder fort. Der andere kam mit leeren Händen – und wurde von Gott beschenkt.
So dürfen auch wir heute vor Gott treten: ohne Selbstrechtfertigung, ohne Vergleich, ohne Maske.
Wir dürfen beten:
Gott, sei uns gnädig.
Erneuere deine Gemeinde.
Überwinde, was uns voneinander trennt.
Lehre uns, einander zu lieben.
Und mache uns zu Menschen, an denen die Welt erkennen kann, dass Christus lebt.
Amen.
Gerald MacDonald
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