9. August 2026 · 10. Sonntag nach Trinitatis
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Liebe Brüder und Schwestern,
heute ist Israelsonntag. Ein Sonntag, der uns daran erinnert, dass unser Glaube keine eigene Erfindung ist, sondern eine Wurzel hat – eine jüdische Wurzel. Ohne Israel gäbe es keinen Jesus von Nazareth, keine Schrift, die wir lesen, kein Vaterunser, keine Psalmen, die wir singen. Und ohne die bleibende Treue Gottes zu seinem erwählten Volk könnten wir auch unserer eigenen Erwählung nicht sicher sein. Deshalb hören wir heute auf zwei Texte, die zusammengehören: das Wort Jesu über das höchste Gebot – und das Wort des Paulus über das Geheimnis Israels.
Im Markusevangelium fragt ein Schriftgelehrter Jesus: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Jesus antwortet nicht mit etwas Neuem, sondern mit dem, was jeder fromme Jude täglich betet, dem „Schma Israel“: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen … und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Liebe Schwestern und Brüder, das ist bemerkenswert: Jesus zitiert die Tora. Er offenbart nichts neues. Er stellt sich mitten in die Glaubenstradition seines Volkes und bringt sie auf den Punkt. Und der Schriftgelehrte – ein jüdischer Theologe – stimmt ihm zu, ergänzt sogar: Das sei mehr wert als alle Brandopfer. Und Jesus sagt zu ihm dieses wunderbare Wort: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“
Nicht fern. Nicht draußen. Nicht ausgeschlossen. Ein Mann, der nicht an Jesus als den Christus glaubt, sondern einfach ein treuer Jude ist, der Gott liebt und den Nächsten – und Jesus bescheinigt ihm die Nähe zum Reich Gottes. Das ist ein Satz, den die Kirche über Jahrhunderte viel zu leise gehört hat. Wir haben oft gemeint, nur „wir“ seien nahe, „die anderen“ seien fern. Aber Jesus selbst öffnet hier den Raum weiter, als wir es oft getan haben.
Genau in diese Richtung denkt Paulus im Römerbrief weiter, allerdings von einer anderen, schmerzhafteren Seite her. Paulus ist selbst Jude, ein Pharisäer, der zum Apostel Christi wurde – und er leidet darunter, dass viele seines Volkes das Evangelium von Jesus Christus nicht angenommen haben. In den Kapiteln 9 bis 11 seines Briefes ringt er geradezu mit Gott um diese Frage. Und am Ende dieses Ringens steht unser heutiger Predigttext, ein Text voller Hoffnung:
„Ich will euch, liebe Brüder, ein Geheimnis anvertrauen, ein Teil des jüdischen Volkes ist verhärtet und verschlossen für die rettende Botschaft. Aber das wird nur so lange dauern, bis die volle Anzahl von Menschen aus den anderen Völkern den Weg zu Christus gefunden hat. Wenn das geschehen ist, wird ganz Israel gerettet, so wie es in der Heiligen Schrift heißt. Denn Gott hat alle Menschen ihrem Unglauben überlassen, weil er allen seine Barmherzigkeit schenken will.
Das, liebe Schwestern und Brüder, ist ein starkes Wort. Paulus sagt: Was mit Israel geschehen ist – dass viele das Evangelium nicht erkannt haben – ist kein Grund zur Überheblichkeit der Kirche, sondern ein Geheimnis, das eingebettet ist in Gottes größeren Heilsplan. Es ist kein Verwerfen, sondern eine vorübergehende Verhärtung, „bis die Fülle der Heiden“ hinzukommt. Und am Ende steht nicht Verwerfung, sondern Erbarmen – für alle.
Und dann der Satz, der wie ein Fels steht, auf den sich der ganze Israelsonntag gründet: „Denn Gott fordert weder seine Gaben zurück, noch widerruft er die Zusage, dass er jemanden auserwählt hat. Der Bund mit Israel ist nicht gekündigt. Was Gott einmal zugesagt hat, das hält er – auch wenn Menschen untreu werden.
Wenn wir Markus 12 und Römer 11 zusammen hören, ergibt sich ein klares Bild: Das Gebot der Liebe – zu Gott von ganzem Herzen, zum Nächsten wie zu sich selbst – ist nicht ein christliches Sondergut, sondern das Herzstück der Tora, das Jesus bestätigt und lebt. Und die Treue Gottes zu Israel ist kein Randthema, sondern das Fundament, auf dem auch unsere eigene Hoffnung ruht. Wenn Gott seine Zusagen an Israel bricht, warum sollten wir dann glauben, dass er seine Zusagen an uns hält? Aber weil er treu bleibt – „unwiderruflich“ – deshalb dürfen auch wir Heiden auf seine Gnade hoffen. Paulus schreibt es fast paradox: „Sie sind zwar im Blick auf das Evangelium Feinde um euretwillen, aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“ Geliebt bleiben sie. Bis heute.
Das hat Folgen für uns.
Erstens: Wir können nicht über Israel triumphieren. Die Geschichte der Kirche kennt leider genug Verachtung, Hass und Gewalt gegen Juden – bis hin zur Shoah, an die wir uns gerade am Israelsonntag mit Scham erinnern müssen. Paulus mahnt in diesem Kapitel (das wir heute nur zum Teil hören) ausdrücklich: „Bildet euch aber deshalb nicht ein, besser als die herausgebrochenen Zweige zu sein! Denn nicht ihr tragt die Wurzel, sondern die Wurzel trägt euch.“
Zweitens: Wir dürfen hoffen. Für Israel und für uns selbst. Wenn Gottes Erbarmen größer ist als menschlicher Ungehorsam, dann ist auch unser eigenes Versagen nicht das letzte Wort über uns.
Drittens: Wir sind eingeladen, das Doppelgebot der Liebe – Gottesliebe und Nächstenliebe, untrennbar miteinander verbunden – ganz praktisch zu leben, gerade auch im Umgang mit unseren jüdischen Geschwistern, im Gespräch, im Respekt, in der Erinnerung, im gemeinsamen Hören auf die Schrift.
Liebe Schwestern und Brüder, Israelsonntag ist kein Sonntag der Selbstgewissheit, sondern der Demut und des Staunens. Wir stehen als „wilder Ölzweig“ (wie Paulus es an anderer Stelle sagt) an einem Baum, dessen Wurzel Israel ist. Und dieser Baum trägt uns – nicht wir ihn.
Und wenn wir am Ende des Gottesdienstes danken wollen für diese Treue Gottes, dann singen wir zu Recht die letzte Strophe von Gott ist gegenwärtig. Denn wo Gottes Gnade größer ist als unser Unglaube, wo seine Berufung unwiderruflich bleibt, da bleibt uns nur eines: von Herzen zu bitten, dass er uns innewohnt und uns aus Dankbarkeit vor ihm zu bücken.
Deshalb passt es gut, wenn wir heute nach der Predigt mit den letzten Liedstrophen des begonnen Lieds antworten. Denn genau davon spricht unser Text: von der bleibenden, nicht widerrufbaren Gegenwart und Treue Gottes – zu Israel, zu uns, zu seiner ganzen Schöpfung. So lasst uns beten und Gott loben für das, was er an Israel und an uns getan hat – in der Gewissheit, dass seine Gnade größer ist als all unser Versagen.
Gerald MacDonald
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