Predigt am 2. August 2026 · 9. Sonntag nach Trinitatis
Predigt über Jeremia 1,4–10 und Matthäus 13,44–46
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Eines Tages sprach der HERR zu mir: »Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt, um mir allein zu dienen. Du sollst ein Prophet sein, der den Völkern meine Botschaften verkündet.« Ich aber erwiderte: »O nein, mein HERR und Gott! Ich habe keine Erfahrung im Reden, denn ich bin noch viel zu jung!« Doch der HERR entgegnete: »Sag nicht: Ich bin zu jung! Zu allen Menschen, zu denen ich dich sende, sollst du gehen und ihnen alles verkünden, was ich dir auftrage. Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und werde dich beschützen. Darauf gebe ich, der HERR, mein Wort.« Er streckte mir seine Hand entgegen, berührte meinen Mund und sagte: »Ich lege dir meine Worte in den Mund und gebe dir Vollmacht über Völker und Königreiche. Du wirst sie niederreißen und entwurzeln, zerstören und stürzen, aber auch aufbauen und einpflanzen!«
Liebe Gemeinde, „Ich kann das nicht.“
Diesen Satz kennen vermutlich viele von uns. Vielleicht haben wir ihn gesagt, als uns eine neue Aufgabe übertragen wurde. Vielleicht dachten wir: Andere können das besser. Andere wissen mehr. Andere sind mutiger, jünger oder älter, gesünder oder belastbarer. Ich bin dafür nicht der richtige Mensch.
Jeremia sagt beinahe dasselbe. Gott beruft ihn zum Propheten. Doch Jeremia antwortet:
„Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“
Jeremia bewirbt sich nicht um dieses Amt. Er hält keine Rede darüber, was er alles kann. Er verweist auf das, was ihm fehlt. Er kann nicht gut reden. Er ist zu jung. Die Aufgabe ist zu groß für ihn.
Gott widerspricht nicht, indem er Jeremia einredet, er sei eigentlich doch besonders begabt. Gott sagt nicht: Du musst nur an dich selbst glauben. Stattdessen sagt er: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.“
Das ist ein wichtiger Unterschied. Jeremias Mut entsteht nicht aus einem großen Selbstvertrauen. Sein Mut entsteht aus Gottes Nähe. Nicht: „Du kannst alles.“ Sondern: „Ich bin bei dir.“ In zweierlei Weise ist Jeremias Berufung eine große „Zu-Mutung“. Gott mutet Jeremia eine übergroße Aufgabe zu – und zugleich spricht er ihm Mut zu. Der Auftrag und die Ermutigung gehören zusammen. Jeremia ist der Aufgabe nicht gewachsen. Da hat er Recht. Aber er muss sie auch nicht allein bewältigen. Wir werden sehen, dass Jeremia vor allem ein Prophet des Hörens und des Wortes ist: Gott legt ihm seine Worte in den Mund.
Noch bevor Jeremia seinen Einwand vorbringen kann, sagt Gott: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete.“ Gottes Kenntnis Jeremias beginnt nicht erst an dem Tag, an dem dieser etwas leisten soll. Gott kennt ihn schon lange, schon bevor er geboren wird. Bevor Jeremia Gott sucht, hat Gott ihn längst gesehen. Bevor Jeremia seine Aufgabe kennt, kennt Gott bereits seinen Weg.
Das bedeutet nicht, dass Jeremias Leben vorherbestimmt wäre wie ein fertiger Stundenplan, in dem jede Einzelheit unveränderlich feststeht. Es bedeutet: Sein Leben ist von Anfang an von Gottes Blick umfangen. Jeremia ist für Gott kein unbekannter Bewerber, dessen Eignung erst geprüft werden muss. Gott kennt seine Begabungen und seine Grenzen. Er kennt auch seine Angst. Und gerade diesen Menschen ruft er.
Im Evangelium heute begegnen uns zwei Menschen, die ebenfalls etwas Entscheidendes entdecken. Der eine findet unerwartet einen Schatz in einem Acker. Er hat offenbar gar nicht danach gesucht. Der andere ist Kaufmann und sucht gezielt nach schönen Perlen. Der eine findet zufällig, der andere nach langer Suche. Aber bei beiden geschieht dasselbe: Sie erkennen plötzlich einen Wert, der alles andere übertrifft. Sie verkaufen, was sie haben, um den Schatz oder die eine kostbare Perle zu erwerben. Jesus sagt: So ist es mit dem Himmelreich.
Manchmal findet ein Mensch Gott, obwohl er gar nicht nach ihm gesucht hat. Ein Wort trifft ihn. Eine Begegnung verändert ihn. In einer schweren Zeit erfährt er einen unerwarteten Trost. Plötzlich sieht er sein Leben in einem neuen Licht.
Andere suchen lange. Sie stellen Fragen, lesen, beten, zweifeln und hoffen. Wie der Kaufmann prüfen sie eine Perle nach der anderen. Und dann erkennen sie: Hier ist etwas, das trägt. Hier ist eine Wahrheit, für die es sich zu leben lohnt.
Aber vielleicht dürfen wir das Gleichnis noch von einer anderen Seite betrachten: Bevor wir den Schatz finden, sind wir längst von Gott gefunden. Bevor Jeremia Gottes Ruf hört, kennt Gott ihn bereits. Das Himmelreich beginnt nicht mit unserer Leistung und auch nicht mit unserem erfolgreichen Suchen. Es beginnt damit, dass Gott uns anspricht.
Der Schatz ist Gottes Nähe. Die kostbare Perle ist die Gewissheit: Ich bin von Gott gekannt, geliebt und gerufen. Mein Leben ist mehr als das, was andere in mir sehen. Es ist auch mehr als das, was ich selbst über mich denke.
Jeremia sieht zunächst keinen Schatz. Er sieht nur die Zumutung seines Auftrags. Er soll ausreißen und einreißen, zerstören und verderben – aber auch bauen und pflanzen.
Gottes Wort ist also nicht bloß ein beruhigendes Wort. Manchmal reißt es nieder, was auf Lüge, Menschenverachtung oder Selbsttäuschung gebaut wurde. Es stellt unbequeme Fragen. Es widerspricht dort, wo die Mächtigen behaupten, ihre Macht sei grenzenlos. Es deckt auf, was wir lieber verborgen hielten.
Aber das Niederreißen ist nicht Gottes letztes Wort. Am Ende des Auftrags stehen zwei andere Verben: bauen und pflanzen. Gott räumt nicht Trümmer beiseite, um eine leere Landschaft zurückzulassen. Er schafft Raum für Neues. Sein Ziel ist Leben.
Auch in uns muss manches ausgerissen werden: die Angst, nichts wert zu sein; das ständige Vergleichen mit anderen; die Vorstellung, dass nur starke und erfolgreiche Menschen von Gott gebraucht werden; vielleicht auch Gewohnheiten, die uns und anderen schaden.
Und dann möchte Gott bauen und pflanzen: Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Mut und Hoffnung.
Wer den Schatz entdeckt, betrachtet sein Leben neu. Der Mensch im Gleichnis verkauft alles nicht zähneknirschend, sondern „in seiner Freude“. Im Mittelpunkt steht nicht sein schmerzlicher Verzicht. Im Mittelpunkt steht seine Freude über das Gefundene. Er gibt nicht etwas Wertvolles für etwas Unsicheres her. Er hat etwas entdeckt, das ihm unendlich wertvoller erscheint.
Der Glaube fragt deshalb nicht zuerst: Was muss ich alles aufgeben? Er fragt: Was habe ich gefunden? Wenn Christus wirklich der Schatz unseres Lebens ist, dann sind andere Dinge ziemlich unwichtig. Erfolg muss uns nicht mehr unseren Wert geben. Besitz muss uns nicht mehr Sicherheit versprechen. Die Anerkennung anderer muss nicht mehr darüber entscheiden, wer wir sind.
Wir gehören schon zu Gott. Aus dieser Gewissheit wächst Berufung. Nicht jeder wird wie Jeremia zum Propheten für Völker und Königreiche. Aber jeder Mensch kann an seinem Ort etwas von Gottes Wahrheit und Liebe weitergeben. Manchmal ist der Auftrag groß und öffentlich. Oft ist er klein und verborgen: einen Menschen besuchen, einen Streit beenden, einem Einsamen zuhören, für Gerechtigkeit eintreten, ein tröstendes Wort finden oder eine notwendige Wahrheit aussprechen. Vielleicht sagen wir dabei weiterhin: „Ich kann das nicht.“ Gottes Antwort lautet nicht immer: „Doch, du kannst es.“ Seine Antwort lautet: „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.“
Wir müssen nicht alles können. Wir müssen auch nicht die ganze Welt retten. Aber wir dürfen hören, wohin Gott uns heute sendet. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns das gibt, was wir für den nächsten Schritt brauchen.
Jeremia wird von Gott gekannt, berührt und gesandt. Die Menschen in Jesu Gleichnissen finden einen Schatz, der ihr ganzes Leben neu ordnet. Beides gehört zusammen: Wer entdeckt, wie kostbar Gottes Reich ist, kann nicht einfach bleiben, wie er war. Und wer von Gott gerufen wird, geht nicht mit leeren Händen. Gott legt sein Wort in menschliche Münder und seine Hoffnung in menschliche Herzen.
Darum: Fürchte dich nicht. Du bist gekannt, noch bevor du etwas leisten kannst. Du bist gefunden, noch bevor du richtig zu suchen beginnst. Und mitten im unscheinbaren Acker deines Lebens liegt ein Schatz: Gottes Reich ist nahe. Christus ist bei dir.
Das genügt, um aufzubrechen, zu bauen und zu pflanzen.
Amen.
Gerald MacDonald
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