Predigt 19. Juli 2026 · 7. So. nach Trinitatis
Predigttext: Hebräer 13, 1-3
Diese Predigt zum Ausdrucken
Liebe Gemeinde,
vor mehr als 10 Jahren kamen viele Menschen zu uns in unsere Kleinstadt, in der wir damals lebten. Sie hatten eine schwere Zeit hinter sich und waren froh, nun endlich einen Ort gefunden zu haben, in dem sie sich ausruhen konnten. Im Gepäck – es war meist nur eine Tasche hatten sie ihre eigene Lebensgeschichte und im Herzen die Erinnerung an einen dramatischen und lebensgefährlichen Weg bis hierher.
Ängstlich schauten sie sich um. Einen dieser jungen Menschen lebte wenig später für ein gutes Jahr in unserer Wohnung wie ein Familienmitglied. An diese Situation habe ich gedacht, als ich den Predigttext für heute gelesen hatte. Er steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel in den Versen 1-3
1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.
Es gibt Ereignisse, die bleiben in unserem Gedächtnis und das ist auch gut so. Die Geschichte am Anfang ist so eine. Aus unbekannten und fremden Menschen werden Freunde und am Ende sogar auch Schwestern und Brüder. Das sind ganz besondere Begegnungen. Da wird Liebe ganz handfest und sichtbar.
Im Text heute geht es auch um handfeste Aussagen bzw. Aufforderungen. Sie sind wie Wegweiser für den Alltag des Glaubens.
Paulus nennt sie am Ende seines Briefes: Liebe, Gastfreundschaft und Mitgefühl. Offenbar entscheidet sich gerade hier, ob der Glaube glaubwürdig wird.
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Das erste Wort überrascht: „Bleibt.“ Die Liebe hat einen festen Platz in der Gemeinde, aber Liebe ist nichts Selbstverständliches. Sie muss gepflegt werden wie ein Garten. Wer einen Garten hat, der weiß: Man kann nicht im Frühjahr pflanzen und dann erwarten, dass im Herbst alles von allein blüht. Unkraut wächst von selbst ja, aber gepflanztes Obst, Gemüse und auch Blumen brauchen Pflege. So ist es auch mit der Liebe. Im Alltag schleichen sich gern Enttäuschungen ein. Ein unbedachtes Wort, eine Verletzung und unterschiedliche Meinungen. Gerade dort, wo Menschen eng zusammenleben in Familien und Gemeinden, wird die Liebe auf die Probe gestellt.
Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt: „Liebe beginnt dort, wo ich dem anderen mehr zutraue als seine Fehler.“ Was für ein schöner Gedanke! Wir alle sehen zuerst die Schwächen des anderen. Gott aber sieht den Menschen, den er geschaffen und geliebt hat. Und dazu ruft er auch uns. Nächstenliebe ist deshalb mehr als Freundlichkeit. Sie bedeutet, den anderen nicht vorschnell festzulegen. Sie gibt Menschen eine neue Chance.
Gastfrei zu sein vergesst nicht. Damals zur Zeit von Paulus war Gastfreundschaft überlebenswichtig. Es gab keine Hotels und keine Pensionen. Wer unterwegs war, war auf offene Türen angewiesen. Heute leben wir anders. Trotzdem hat dieses Wort nichts von seiner Aktualität verloren. Gastfreundschaft beginnt nicht erst am Esstisch. Sie beginnt mit einer offenen Haltung. Wer ist der Mensch, der neu in unsere Gemeinde kommt? Wer sitzt nach dem Gottesdienst allein in der Bank? Oder wer freut sich nicht darüber, dass jemand seinen Namen kennt?
Immer wieder treffe ich Menschen, die sagen, wie wichtig ihnen die Sonntage sind. Nicht wegen des Kirchenkaffees, sondern weil sie Gemeinschaft erleben und jemand wirklich Zeit hatte. Gastfreundschaft heißt: Du bist willkommen. Es ist Platz für dich. Wie schön, wenn auch wir Gäste unter uns willkommen heißen und ihnen das Gefühl geben, dass wir gemeinsam eine Wegstrecke unterwegs sind.
Dadurch haben einige Engel beherbergt Hier erinnert der Hebräerbrief an Abraham. Drei Fremde kommen an seinem Zelt vorbei. Abraham kennt sie nicht. Trotzdem läuft er ihnen entgegen, lädt sie ein, lässt Brot backen und ein Kalb zubereiten. Erst später erkennt er: In diesen Fremden ist Gott ihm begegnet. Wir können auch unsere Türen öffnen für Menschen, denen wir begegnen. Denn wir wissen nicht, ob wir nicht gerade einem Engel begegnet sind. Oft überrascht uns Gott gerade in unerwarteten Begegnungen, so hat es Leo Tolstoi in seiner Geschichte von Vater Martin beschrieben. Da sitzt ein alter Schuhmacher in seiner Werkstatt und liest abends immer in der Bibel. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als Jesus zu begegnen. Am nächsten Tag will er besonders auf die Menschen achtgeben, die an seiner Werkstatt vorbeigehen. Er sieht den Straßenkehrer, eine junge Mutter mit ihrem Kind. Beide lud er zu sich ein und schenkte Tee ein und gab dem kleinen Kind handgefertigte Schuhe. Später half einem Jungen, der einen Apfel von einer Marktfrau stibitzte aus seiner misslichen Lage. Am Abend setzte er sich enttäuscht wieder in seinen Stuhl. So sehr er Ausschau nach Jesus gehalten hatte – er hatte ihn nicht gesehen. Dann schlief er ein. Im Traum zogen der Straßenkehrer, die Frau mit dem Kind und der Junge an ihm vorbei. Und eine Stimme sagte: Martin, erkennst Du mich jetzt? Da erkannte er, dass er Jesus genau in diesen Menschen begegnet war. Soweit Tolstoi – eine meiner Lieblingsgeschichten.
Wie oft ertappen wir uns, wenn wir heute Menschen begegnen mit dem Gedanken: „Heute habe ich eigentlich keine Zeit.“ Aber gerade ein ungeplantes Gespräch kann zu einer Begegnung werden, die unser Herz verändert. Jesus selbst sagt im Matthäusevangelium: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“
Weiter lesen wir: Denkt an die Gefangenen Hier weitet sich der Blick. Die ersten Christen wussten, was das bedeutete. Wer im Gefängnis saß, war auf Besuche angewiesen. Niemand versorgte die Gefangenen. Christen gingen bewusst zu ihnen, obwohl sie sich dadurch selbst in Gefahr brachten. Heute denken wir vielleicht an Menschen im Strafvollzug. Aber Gefangenschaft hat viele Gesichter. Es gibt Menschen, die gefangen sind in ihrer Krankheit, gefangen in Einsamkeit, in Trauer, in einer Depression oder in der Sorge um ihre Familie. Ältere Menschen kennen die Erfahrung, dass der Radius kleiner wird und die Kräfte nachlassen. Man fühlt sich manchmal vergessen. Darum sagt der Hebräerbrief: Denkt an sie. Und vergesst sie nicht. Oft genügt ein kleiner Schritt: ein Anruf, ein Besuch, eine Karte oder ein Gebet. Und ganz oft sind das die größten Geschenke.
Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Das ist keine zusätzliche Aufgabe der Kirche, sondern eine Kernaufgabe. Wo wir füreinander sorgen, Fremde willkommen heißen und Leidende nicht vergessen, dort wird etwas von Gottes Liebe sichtbar.
Wir müssen alle keine Heldinnen und Helden sein, sondern können die Liebe, die wir von Gott geschenkt bekommen haben, weitergeben. Teresa von Ávila sagte einmal den wichtigen Satz: „Christus hat keinen Leib mehr auf Erden als den euren, keine Hände als eure, keine Füße als eure.“ Durch unsere Hände will Jesus trösten, durch unsere Worte will er ermutigen und durch unsere Gastfreundschaft will er Menschen Heimat schenken. So, wie der junge syrische Mann ein Zuhause gefunden hatte und wir ihn mit seinem Namen angesprochen haben, so können wir auch heute offen sein für Begegnungen mit Menschen, die wir vorher noch gar nicht kannten und wir werden merken, wir die Liebe sich ausbreiten kann. Dann wird ein Lob – und Danklied in unserem Herzen angestimmt, dass nach außen dringt.
Jesus lädt uns heute alle ein an seinen Tisch, damit wir seine Liebe in uns ausnehmen und weitergeben.
Amen.
Gabriele von Dressler
KONTAKT
Ev. Kirchengemeinde
Zinzendorfplatz 3
78126 Königsfeld im Schwarzwald
Telefon: 07725 9382-0
E-Mail: gemeindebuero@koenigsfeld.org
