Predigt 28. Juni 2026 · 4. Sonntag nach Trinitatis
Römer 12, 17-21
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Liebe Gemeinde,
es ist leicht, freundlich zu sein, solange uns niemand verletzt. Die eigentliche Frage beginnt dort, wo uns Unrecht geschieht. Was geschieht dann in uns? Was geben wir zurück? Genau dort setzt Paulus an – nicht am Rand des Glaubens, sondern mittendrin. Wir hören den Predigttext aus Römer 12, 17-21:
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben 5. Mose 32,35: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« Spr 25,21-22. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Römer 12, 17-21
Paulus spricht in eine Welt hinein, die von Gewalt, Kränkung, Vergeltung und verletztem Stolz bestimmt ist. Und wenn wir ehrlich sind: So fremd ist uns diese Welt nicht. Die Mechanismen haben sich kaum geändert. Nur die Formen sind moderner geworden. Man schlägt nicht immer mit der Hand zurück – eher mit Worten, mit Verachtung, mit kaltem Schweigen, mit öffentlicher Bloßstellung, mit innerer Kündigung von Beziehungen. Paulus kennt diese Dynamik. Und deshalb sagt er: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“ Das ist mehr als ein moralischer Appell. Es ist die Absage an die Logik der Spiegelung. Das Böse hat nämlich eine eigentümliche Macht: Es will sich fortpflanzen. Es will in uns etwas erzeugen, das ihm ähnelt. Wer verletzt wird, will verletzen. Wer gedemütigt wird, will demütigen. Wer hart behandelt wird, wird selbst hart. Genau darin liegt die Gefahr: Nicht nur, dass uns Böses widerfährt – sondern dass das Böse in uns hineinwandert und dort Gestalt annimmt. Paulus formuliert deshalb am Ende unseres Abschnitts einen Satz, der wie eine Überschrift über dem ganzen Text steht: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das waren die Worte der Jahreslosung 2011. Unser Glaube beginnt nicht mit Stärke, sondern mit Freiheit. Paulus fordert nicht einfach passives Erdulden. Er sagt auch nicht: Es ist alles halb so schlimm, er verharmlost das Böse nicht. Im Gegenteil: Nur wer das Böse ernst nimmt, kann überhaupt von Überwindung sprechen. Paulus weigert sich, dem Bösen die Macht zu überlassen. Wir Christen sind nicht dazu bestimmt, nur zu reagieren. Wir sollen handeln – aber nicht reflexhaft, sondern frei. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die natürliche Reaktion auf Kränkung ist Gegenschlag. Unsere Reaktion soll nicht Reaktionslosigkeit, sondern eine befreite Antwort sein. Dietrich Bonhoeffer hat es in einem anderen Zusammenhang so formuliert: „Böses entsteht immer wieder neu aus dem Bösen, das man getan hat oder das man mit Bösem vergilt.“ So sieht es auch Paulus. Vergeltung beendet das Böse nicht. Sie verlängert es.
Darum sollte unsere Frage nicht zuerst sein: Was wäre angemessen? Sondern: Was entspricht Christus? Also ist die Frage nicht die: Was hat der andere verdient? Sondern: Was dient dem Sieg des Guten? Das ist keine schwache Haltung. Es ist eine Form geistlicher Souveränität. Denn ich bin dann nicht mehr Gefangener dessen, was der andere mir angetan hat.
Paulus ist erstaunlich realistisch. Er sagt nicht: Lebt mit allen Menschen in Frieden, und dann wird es schon gelingen. Er formuliert viel vorsichtiger: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das ist kein frommer Pessimismus, sondern geistliche Nüchternheit. Frieden ist nicht immer vollständig herstellbar. Nicht jede Beziehung kann geheilt werden. Nicht jeder Konflikt lässt sich auflösen. Nicht jeder Gegner will Versöhnung. Paulus kennt die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten. Es gibt Konflikte, in denen wir nicht die ganze Situation kontrollieren. Aber es gibt immer die Frage: Was liegt an mir? Was ist mein Teil an diesem Frieden? Das ist eine unbequeme Frage. Denn sie entzieht uns die bequeme Rolle des moralisch Überlegenen.
Ein praktisches Beispiel: In einer Familie kommt es seit Jahren immer wieder zum gleichen Streit. Alte Verletzungen, alte Sätze, alte Muster. Man weiß schon beim Betreten des Wohnzimmers, an welcher Stelle der Abend kippen wird. Und jeder ist innerlich vorbereitet. Man hat die Antworten schon parat, noch bevor der andere gesprochen hat. „Soviel an euch liegt“ könnte dann bedeuten: Ich werde heute nicht den alten Satz sagen, von dem ich weiß, dass er wie ein Zündholz wirkt. Ich werde nicht jedes Unrecht der letzten zehn Jahre wieder aufrufen. Ich werde nicht meinen Sieg suchen, sondern den Frieden. Vielleicht wird es trotzdem nicht schnell weder gut. Aber unsere Verantwortung endet nicht dort, wo die Erfolgsgarantie endet.
Der vielleicht schwierigste Teil des Textes ist der Satz: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ Das klingt modernen Ohren fremd. Viele können mit dem Gedanken an Gottes Zorn wenig anfangen. Aber Paulus‘ Gedanke ist zutiefst befreiend. Er sagt: Du musst nicht Richter der Welt sein. Du musst nicht selbst die letzte Gerechtigkeit herstellen. Die Absage an die Selbst-Rache ist nur möglich, weil Paulus an Gottes Gerechtigkeit festhält. Wo Gottes Gericht geleugnet wird, wird der Mensch fast zwangsläufig zum Richter. Wenn Gott nicht richtet, dann müssen wir es tun. Dann bleibt alles an uns hängen: die Empörung und die Vergeltung. Gerade darum ist der Glaube an Gottes Gericht nicht ein Problem, sondern eine Entlastung. Er nimmt uns die Last, Gott spielen zu müssen. Feindesliebe ist nicht billige Harmonie und auch nicht die Leugnung des Unrechts. Sie ist nur möglich, weil das Unrecht Gott nicht gleichgültig ist. Darum heißt Verzicht auf Rache nicht: Das Böse war nicht schlimm. Es heißt: Die letzte Antwort auf das Böse steht nicht mir zu.
Paulus geht noch weiter. Es genügt nicht, das Böse nicht zu erwidern. Der Christ soll dem Feind Gutes tun: „Wenn deinem Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken.“ Das ist herausfordernd. Denn hier geht es nicht nur um Unterlassung, sondern um Initiative. Genau das offenbart das Evangelium. Gott begegnet seinen Feinden nicht nur mit Zurückhaltung, sondern mit Gnade. Paulus selbst schreibt später im Römerbrief: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Der Maßstab unseres Glaubens ist das Handeln Gottes in Christus. Bonhoeffer schreibt in der Nachfolge: „Der Feind bleibt nicht der, den ich hasse, sondern der, den Gott liebt.“ Das ist schwer zu verstehen. Denn wir leben oft davon, Menschen innerlich festzulegen: auf ihre Schuld, ihre Kränkung, ihre Härte. Wir möchten nicht, dass der Feind mehr ist als ein feindliches Gegenüber. Aber Gottes Blick geht weiter.
Weiter heißt es: „Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Gemeint ist hier: Das Gute, das dem Feind erwiesen wird, kann ihn zur Beschämung und damit zur Umkehr bringen. Das Gute entlarvt das Böse gerade dadurch, dass es nicht dessen Spiel mitspielt. Karl Barth hat einmal sehr nüchtern gesagt, christliches Handeln sei dort wahr, wo es sich von Gottes Barmherzigkeit bestimmen lasse und nicht vom Verhalten des Gegners. Genau das ist hier gemeint. Der andere bleibt nicht Maßstab meines Handelns, sondern Gott.
Was könnte das nun ganz praktisch in unseren Familien, in der Gemeinde bedeuten? Wir müssen nicht jede Kränkung archivieren und bei Gelegenheit vorlegen. Wir erleben es oft so, dass politische Kommunikation oft von Empörungsketten lebt. Wir sollten versuchen, nicht selbst in diese Schiene zu geraten. Wichtig ist, das Gespräch zu suchen, ohne die innere Waffe schon zu laden. Frieden ist nicht Konfliktvermeidung, sondern eine andere Art und Weise, Konflikte zu bearbeiten. Wer für einen Menschen betet, entzieht ihn Stück für Stück dem reinen Feindbild.
Unser Predigttext endet mit dem wichtigen Satz: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das ist kein Aufruf zur Schwäche. Es ist ein Ruf in die Freiheit der Kinder Gottes. In die Freiheit, nicht zurückschlagen zu müssen und Gott Richter sein zu lassen. Daraus entsteht die Freiheit, Gutes zu tun, wo anderes erwartbar wäre. Christus selbst schenkt uns diese Freiheit. Amen
Gabriele von Dressler
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