15. Februar 2026
Predigttext: Lukas 18,31–43
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Liebe Gemeinde,
„Wie blind muss man sein“. Diesen Ausspruch kennen wir und verwenden ihn, wenn jemand sehenden Auges in eine Falle tappt. Dabei wird es immer schwieriger, sie zu erkennen. Da kommt z.B. ein Anruf, dass der Sohn im Krankenhaus liegt und einen schlimmen Unfall verursacht hat- davon erzählte mir neulich ein Gemeindemitglied. Der Anrufer forderte einen hohen Geldbetrag. Da der Angerufene keinen Sohn hat, war diese Sache schnell beendet. Aber es kann auch anders ausgehen. Manchmal sind unsere Sinne nicht so hellwach und aufmerksam.
Heute begegnen wir im Predigttext in Lukas 18, Verse 31 bis 43, zwei Szenen, die auf den ersten Blick kaum miteinander zu tun haben: Zuerst kündigt Jesus erneut sein Leiden und Sterben an. Danach heilt er einen Blinden bei Jericho. Was Lukas hier nebeneinanderstellt, ist kein Zufall. Beide Episoden erzählen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – von Blindheit und Sehen, von Verstehen und Verkennen, von einem Weg und von Nachfolge.
Die Jünger, die Jesus seit Jahren begleiten, sehen zwar mit ihren Augen, aber sie verstehen nichts (Lk 18,34). Der Blinde hingegen, der am Straßenrand sitzt, kann körperlich nichts sehen – und erkennt doch, wer Jesus ist. So führt uns dieser Text mitten hinein in eine menschliche und göttliche Wahrheit: Man kann sehen und doch blind sein. Und man kann blind sein – und im Glauben sehen.
Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung
31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Die Heilung eines Blinden bei Jericho
35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näherkam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Jesus sagt: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“
Hier öffnet sich der Blick Jesu auf den größeren Zusammenhang: Das, was kommen wird – Leid, Kreuz, Tod – ist kein tragischer Zufall, sondern Teil des göttlichen Heilsplans. Er sieht sich selbst in der Linie der Propheten von Jesaja bis Jeremia, die das Leiden des Gerechten bezeugt haben.
In Jesaja 53 klingt mit, dass der Gottesknecht „verachtet und verlassen“ wird und „unsere Krankheit getragen hat“. Jesus sieht – die Jünger aber verstehen nicht. Ihre Augen sind offen, doch das Herz ist noch verschlossen.
So geht es auch uns oft: Wir sehen die Ereignisse unseres Lebens, aber nicht den roten Faden Gottes darin. Wir schauen in die Welt, sehen Chaos, Leid, Unrecht – aber uns fällt es schwer, das Wirken Gottes mittendrin zu erkennen. Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. (1Kor1,23) Wahrer Glaube lehrt uns ein anderes Sehen. Wir sehen mit den Augen des Herzens, wie es im Epheserbrief heißt (Eph 1,18) und er (Gott) gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Glaube ist Sehen – mit dem Herzen.
Als Jesus sich Jericho nähert, sitzt am Straßenrand ein Blinder. Er hört das Stimmengewirr, spürt die Bewegung, und fragt: „Was ist da?“ „Jesus von Nazareth geht vorüber“, sagen sie ihm. Und da nimmt er all seinen Mut zusammen und ruft laut, unüberhörbar: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Dieser Ruf ist kein Hilfeschrei nur nach Heilung. Es ist ein Bekenntnis: „Sohn Davids“ – das ist eine messianische Anrede.
Der Blinde hat begriffen, was viele Sehende nicht erkennen: Dieser Jesus ist der von Gott Gesandte, der Retter. Die Leute um ihn herum versuchen ihn zum Schweigen zu bringen. Da ruft er noch lauter. Das ist die Beharrlichkeit des Glaubens, die sich nicht einschüchtern lässt – auch nicht von gesellschaftlicher Zurückweisung. Wie viele Menschen heute sitzen wie dieser Mann am Rand? Unbekannte, ohne Stimme, ohne Beachtung – und doch mit einer Sehnsucht, die ruft: „Erbarme dich meiner!“
Menschen in Krankheit und Einsamkeit, in seelischer Not, in wirtschaftlicher Unsicherheit, Menschen, die ihre Hoffnung fast verloren haben. Jesus bleibt stehen. Und er hört den Ruf. Das ist das Evangelium in einem Satz: Jesus geht nicht vorbei. Er steht still, wo ein Mensch ihn braucht. Dann fragt Jesus den Blinden: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Auf den ersten Blick wirkt das überflüssig. Ist das nicht offensichtlich? Der Mann ist blind!
Aber Jesus will mehr als oberflächliche Heilung. Er ruft den Menschen dazu auf, seine Sehnsucht auszusprechen. Und der Blinde spricht das entscheidende Wort: „Herr, dass ich sehen kann!“ Wie einfach. Wie tief. Wie aktuell. Diese Bitte passt in jede Zeit, auch in die unsere.
Wir leben in einer Welt, die alles Mögliche sieht – und zugleich blind ist. Wir sehen über Bildschirme Kriege, politische Krisen, Naturkatastrophen. Wir sehen Gesichter, Zahlen, Schlagzeilen – aber nicht mehr, was dahintersteht. Wir haben Information, aber oft keine Erkenntnis. Vieles wird sichtbar gemacht, aber die Einsicht fehlt. Darum brauchen wir diese Bitte neu: „Herr, ich möchte sehend werden!“ Sehen, was wirklich zählt. Sehen, wo Liebe gebraucht wird. Sehen, wo du, Herr, in meinem Alltag handelst.
Jesus sagt zum Blinden: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 18,42) Das griechische Wort, das Lukas hier benutzt, heißt Sozo – und das bedeutet beides: heilen oder retten. Der Glaube führt also nicht nur zu körperlicher Heilung, sondern zur inneren Neuschöpfung. Das Sehen ist ein Symbol für Erkenntnis, für neues Leben und für Erlösung.
Und der Blinde – jetzt Sehende – steht auf, folgt Jesus nach und lobt Gott. Er bleibt nicht beim Wunder stehen, sondern geht den Weg weiter. Eben noch saß er am Rand, jetzt ist er Teil des Weges nach Jerusalem. Das ist wahre Nachfolge: aus dem Stillstand in Bewegung kommen, aus der Finsternis ins Licht, aus der Bitte ins Lob. Diese Geschichte trifft mitten in unsere Zeit. Denn wir leben in einer Zeit großer Augenreize und kleiner Erkenntnis. Wir sehen so vieles – Bilder, Zahlen, Nachrichten – und werden doch innerlich blind und abgestumpft. Wir haben gelernt, wie man Daten sammelt, aber nicht mehr, wie man betet.
Unser Glaube ist kein Rückzug ins Dunkel, sondern das mutige Öffnen der Augen für das Licht Gottes – auch dort, wo es weh tut. Blindheit ist hier nicht nur ein medizinischer Zustand, sondern ein geistlicher: Blind sind wir, wenn wir den Menschen neben uns nicht mehr sehen. Blind sind wir, wenn wir Gottes Ruf überhören. Blind sind wir, wenn wir meinen, alles im Griff zu haben – und doch den Sinn verlieren. Am Ende der Geschichte geschieht Veränderung: Der Blinde sieht und folgt Jesus nach. „Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.“ (Lk 18,43) Aus einem einzelnen Schrei der Not wird gemeinsamer Lobpreis. Amen
Gabriele v. Dressler
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