Predigt über Apg. 10, 9-35 am 25.1.2026
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Liebe Gemeinde,
ein heutiges Modewort heißt „Disruption“. Es kommt aus dem Englischen und bedeutet „unterbrechen, zerstören, durcheinanderbringen“. Es beschreibt die gravierenden Veränderungen in der heutigen Welt.
Der heutige Predigttext erzählt von einer der entscheidenden Disruptionen der Kirchengeschichte, von einer drastischen Veränderung, einem tiefgreifenden Wandel der damaligen christlichen Weltanschauung.
Das bisherige Fundament der christlichen Weltanschauung von Petrus, dem in den Anfängen der christlichen Gemeinden führenden Apostel, gerät ins Wanken. Die bisher stabile Ordnung seines Weltbilds wird durcheinandergebracht. Regeln und Gesetze, die bisher unerschütterlich galten, werden außer Kraft gesetzt.
Woran soll er sich nun halten? Wird jetzt alles beliebig? Hat sein Leben keine Orientierung mehr?
Zur Vorgeschichte:
Zu einem Römer darf ein Jude keinen Kontakt haben, und Gott schon gar nicht. Und doch nimmt Gott Kontakt zu einem römischen Hauptmann auf, einem nach jüdischem und damaligem auch christlichen Verständnis Unreinen. Obwohl er als Unreiner gilt, sieht Gott in ihm einen gottesfürchtigen und rechtschaffenen Mann, d.h. einen Mann, der in einer guten Beziehung zu ihm (er betet zu Gott) und zu seinen Mitmenschen (er gibt Almosen) steht. Er lebt, wie es Gott gefällt.
Und Gott beauftragt ihn, seine Leute nach Petrus zu schicken, um ihn zu sich zu holen. Dieser soll ihm eine Botschaft überbringen.
Zur Hauptgeschichte:
Währenddessen nimmt Gott auch Kontakt zum Judenchristen und Apostel Petrus auf. Er begegnet ihm in einer für Petrus skandalösen Vision: Eine Stimme aus dem Himmel befiehlt ihm, er solle unreine Tiere schlachten und essen, die vom Himmel herabkommen – ein für einen Juden geradezu blasphemisches, gotteslästerliches Ansinnen. Petrus weigert sich zunächst mit dem Hinweis auf die jüdischen Speisegesetze, die doch Gott selbst befohlen habe. Daraufhin entgegnet die Stimme: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein.“ Dies geschieht dreimal.
Petrus ist vollkommen verwirrt und ratlos. Einem Judenchristen ist doch schon verboten, mit einem Nichtjuden engen Kontakt zu pflegen – und nun soll er sogar unreine Tiere essen. Dies stellt sein religiöses Weltbild völlig auf den Kopf.
Dann der nächste Tabubruch: Drei Boten des römischen Hauptmanns klopfen an die Tür, um Petrus mit dem Hinweis, dass ein Engel Gottes ihnen den Auftrag erteilt habe, zu ihrem Hauptmann zu begleiten, um diesem eine Botschaft zu überbringen.
Petrus weiß nicht, was er machen soll. Er darf eigentlich als Jude das Haus eines Unreinen nicht betreten. Aber der Geist Gottes versichert ihm, dass diese Boten im Auftrag Gottes kommen.
Ein weiterer Tabubruch folgt: Weil es schon spät am Tag ist, beherbergt er sie über Nacht in seinem Haus – ein für einen Juden unmögliches Verhalten.
Am nächsten Tag folgt Petrus der Einladung in das Haus des Hauptmanns, eines Unreinen, entgegen dem jüdischen Kontaktverbot. Der Hauptmann erklärt Petrus den Grund seiner Einladung. Als er ihn bittet, ihm mitzuteilen, was Gott Petrus gesagt hat, werden diesem plötzlich Sinn und Zweck seiner Vision klar.
Petrus zieht öffentlich die Konsequenzen aus seiner Vision und verdeutlicht dem Hauptmann und seinen Leuten die Absicht Gottes: Gottes Liebe kennt keine Grenzen. Für ihn ist nicht die Herkunft, die Nation usw. eines Menschen wichtig, sondern sein Verhalten gegenüber Gott und seinen Mitmenschen: „Wer Gott fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.“ Gott ist offen für alle Menschen; er möchte zu ihnen in Beziehung treten. ER wendet sich in Jesus Christus allen Menschen zu. Es gibt für einen Christen keine Unterscheidung in rein und unrein. Zur christlichen Gemeinde kann jeder kommen, es gibt keinen kontrollierenden Türsteher, hier sind alle gleich und willkommen.
Und Petrus muss sich noch einmal bewähren: Als der Hauptmann vor ihm niederkniet und ihn damit als göttlich verehren will, widersteht er der Versuchung, sich über andere zu erheben: Ich bin ein Mensch wie du, Gott ist Gott und Mensch ist Mensch! Ein Mensch darf sich nicht über andere Menschen erheben und kniet auch nur vor Gott!
Welche Gedankenanstöße gibt uns diese Erzählung für unser Leben als Christen heute?
- Gott ist offen für alle Menschen, gleich welcher Nation, Hautfarbe, sozialer Stellung, Alter, Religion usw., weil er jedem durch Jesus Christus begegnen möchte. Er schließt keinen Menschen aus, sondern Menschen schließen sich durch ihr Verhalten selbst aus. Die Arme Gottes bleiben aber grundsätzlich für jeden Menschen offen.
Aus diesem Grund muss das Selbstverständnis jeder christlichen Gemeinde geprägt sein von der Einstellung: Alle sind willkommen!
Es geht nicht darum, was einer ist oder mitbringt, sondern was er aus der Gemeinde mitnehmen und wie er sich einbringen kann. Die Gemeinde ist also in der Pflicht, den suchenden Menschen offen zu begegnen und ihnen den Weg zu Gott nicht durch ihr Verhalten zu verbauen; dh. die Gemeinde muss der Raum sein, wo konkret die Liebe und Güte Gottes erfahrbar werden, nicht durch die Bemühung um Perfektion, sondern gerade durch den konkreten Umgang mit Fehlern, Schwächen und Eigenarten. Perfektion bedeutet immer Stillstand und Abgrenzung, Fehlerfreundlichkeit aber gemeinsames Leben aus der Vergebung Gottes. Wir müssen in den HerausforderungenHHHH Herausforderungen des täglichen Lebens zeigen, dass ein Miteinander verschiedener Meinungen und Lebensstile möglich ist. Wir müssen in einer Gesellschaft, in der eine pessimistische und mutlose Stimmung herrscht, Mut zum Anpacken, zur Veränderung, zum Neuanfang vorleben. Ganz nach Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ - Ich bin überzeugt, dass die örtliche Gemeinde entscheidend ist für die Zukunft der Kirche. Die christliche Gemeinde hat die Aufgabe, ein friedliches Gegenmodell zum Gegeneinander in unserer Gesellschaft oder in der Welt zu leben, wo Menschen sich in ihrer Persönlichkeit respektiert fühlen und in ihren Interessen wiederfinden können – egal ob sie jung oder alt sind. Der christliche Glaube ist keine Ideologie, keine geschlossene Weltanschauung, sondern eine Lebenshaltung, die für das Leben in seiner Vielfalt und seinen unterschiedlichen Herausforderungen offen ist. Sie darf sich nicht in ideologische Auseinandersetzungen hineinziehen oder vor den Karren einer politischen Partei, einer Regierung oder Vertretern irgendwelcher Interessengruppen spannen lassen. Christliche Werte sind nicht automatisch identisch mit sogenannten konservativen oder progressiven Werten. Als Christen stehen wir auf der Seite der konkreten Menschen und unterstützen alle Maßnahmen, die das Wohl der Menschen fördern.
- Petrus hat der Versuchung widerstanden, sich über andere Menschen zu erheben oder sich von diesen in eine solche Position heben zu lassen. Für ihn gilt: „Wer Gott fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.“ Wenn der mächtigste Mann der Welt sich mit den Worten „Ich brauche kein internationales Recht… Mein eigener Sinn für Moral… Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“ über das Recht stellt, dann regiert nur noch die Macht des Stärkeren. Menschliche Hybris (Überheblichkeit) ist Blasphemie und führt in die Katastrophe. Wo ein Mensch sich als Sonne sieht, da werden die anderen Menschen zu Planeten, die die Sonne umkreisen müssen. Für Christen ist Gott allein die Sonne, um die wir Menschen kreisen sollen, indem wir den Willen Gottes tun. Unsere heutige Welt wird immer mehr von Menschen, leider meistens von Männern, dominiert, die in der Hybris leben, über andere auf Teufel komm raus herrschen und ihnen ihre Vorstellungen aufzwingen zu müssen oder sie sogar als minderwertig herabzuwürdigen (Abschaum, Müll, Ungeziefer etc.). Sie verstehen die Welt als Spielwiese für ihre Machtphantasieen und wirtschaftlichen Interessen. Sie spielen sich einerseits als Verteidiger des Christentums auf und riskieren gleichzeitig den Tod von Tausenden von Menschen, indem sie Krieg führen oder Hilfsgelder rücksichtslos kürzen. Wir erleben heute weltweit die Folgen dieser die Menschheit spaltenden und dadurch den Unfrieden fördernden Haltung in einer durch die Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke bisher unvorstellbaren Art und Weise. Es ist Gotteslästerung, wenn Politiker oder Kirchenvertreter einen Angriff auf ein anderes Land oder auf Menschen innerhalb der Gesellschaft mit der Verteidigung oder Durchsetzung christlicher Werte rechtfertigen. Man kann politische oder militärische Aktionen verschieden begründen, aber christliche Werte mit körperlicher oder seelischer Gewalt verteidigen oder durchsetzen zu wollen, ist ein Widerspruch in sich selbst. Den gotteslästerlichen Höhepunkt erreichte Putin bei einer orthodoxen Weihnachtsfeier: Er verglich die russischen Soldaten mit Jesus. Diese seien wie Jesus auf einer heiligen Mission. Wie Jesus als Erlöser kam, um die Menschen zu retten, so auch die russischen Soldaten.
- Ich bin überzeugt, dass die Christen heute verstehen müssen, dass sie angesichts des chaotischen Zustands der Welt, wo immer mehr ausschließlich die Macht des Stärkeren gilt, nur noch als bedeutsam wahrgenommen werden, wenn sie die fundamentalen christlichen Werte öffentlich und klar mit einer Stimme vertreten. Dahinter müssen die theologischen und kulturellen Unterschiede zurücktreten. Diese sind ja oft nur aus einer Verabsolutierung der eigenen theologischen Meinung oder von eigenen moralischen oder kulturellen Vorstellungen entstanden. Wenn die Christen nicht verstehen, dass sie nur als Einheit bedeutsam bleiben werden, werden sie in der Bedeutungslosigkeit versinken. Die Christen müssen sich endlich auf das eine gemeinsame Fundament konzentrieren: Die einzige legitime Konfession, das einzige wichtige Bekenntnis ist das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Weg zu Gott. Auf diesem Weg weist uns das Doppelgebot der Liebe die Richtung: „Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das gemeinsame Ringen darum, was das jeweils konkret bedeutet, ist unsere gemeinsame
Ich glaube, Gott lächelt über unsere theologischen und liturgischen Verrenkungen (als theologisches Gehirnjogging ok!), die wir oft für so wichtig halten. Lassen wir uns von seinem Humor anstecken. Dann fällt es uns leichter, miteinander zu leben und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren! Amen!
Johannes Treude
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