Predigt am 3. April 2026 (Karfreitag)
2. Korinther 5,19–21
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Heute ist Karfreitag – der stillste Tag im Kirchenjahr. Die Glocken schweigen nach der Todesstunde heute Nachmittag- kein Halleluja erklingt. Und doch ist dieser Tag der mächtigste Tag der Liebe Gottes, denn heute geschieht, was Paulus hier beschreibt – Gott versöhnt die Welt mit sich selbst in Christus. Hören wir den Predigttext aus 2. Korinther 5, 19-21:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Versöhnung – was für ein Wort! Vielleicht fällt uns dazu ein Streit aus der jüngsten Vergangenheit ein: Da reden zwei nicht mehr miteinander. Eine Freundschaft ist zerbrochen. Man spürt die Kälte, die Distanz. Und dann kommt der Moment, wo einer den ersten Schritt macht. Ein Blick, ein Wort, eine Umarmung. Frieden kehrt langsam ein. So ähnlich, sagt Paulus, ist das, was am Kreuz geschah – nur unendlich größer. Paulus redet völlig klar: Wir Menschen sind nicht einfach neutral Gott gegenüber. Nein, wir leben, als gäbe es ihn nicht. Wir suchen unser Glück ohne ihn, wir verletzen einander, wir machen Fehler und vergessen, dass Gott uns das Leben geschenkt hat. Die Bibel nennt das Sünde – nicht nur einzelne Fehler, sondern eine gestörte Beziehung.
Jesaja spricht davon: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6) Da ist sie wieder, diese Bewegung Gottes: Er stellt die Beziehung wieder her, nicht wir. Er trägt, was uns trennt, ja Gott ist in Christus gegenwärtig. Das ist das Herz des Evangeliums: Am Kreuz hängt nicht irgendein Mensch, der für Gott leidet, sondern Gott selbst in seinem Sohn.
kommt in unsere Dunkelheit, in unsere Schuld, in unsere Gottverlassenheit. Am Kreuz ruft Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) – und genau da hinein kommt Gott uns am nächsten. Er nimmt auf sich, was uns trennt und er hält durch, wo wir längst aufgegeben hätten. „Er rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“ – dieser Satz ist pure Gnade. Wir Menschen kalkulieren und spekulieren gern– Gott vergibt. Wir zählen Kränkungen und Enttäuschungen auf– Gott löscht sie aus.
Der Psalmbeter des 103. Psalm sagt: „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.“ Am Kreuz zeigt uns Gott: Kein Schuldschein bleibt unbezahlt. Keine Trennung bleibt endgültig. Gott rechnet nicht auf – er liebt.
Paulus fasst das Geheimnis des Kreuzes in einem einzigen Satz zusammen: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit würden.“ Das ist der große Tausch: Jesus nimmt, was uns belastet – und schenkt uns, was nur ihm gehört: Gerechtigkeit, Frieden, neues Leben. Ein Bild dafür ist in Jesaja 61,10: „Er hat mich gekleidet mit Kleidern des Heils und mir den Mantel der Gerechtigkeit umgelegt.“
Am Kreuz tauscht Gott unsere Schande gegen seine Herrlichkeit und wir können unter dem Kreuz stehenbleiben – frei, versöhnt und angenommen. Paulus macht daraus nicht nur eine Lehre, sondern einen Ruf: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Das ist eine Einladung, kein Befehl.
Gott zwingt niemanden in seine Arme – aber seine Arme sind weit offen. So wie der Vater in der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lk 15): Der Sohn kommt heim, und bevor er noch seine Entschuldigung zu Ende spricht, rennt ihm der Vater entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. So kommt Gott uns entgegen – am Kreuz.
Was bedeutet dieser Ausspruch: Lasst euch versöhnen mit Gott. Lasst ab vom Stolz, alles selbst schaffen zu wollen. Lasst die Schuld nicht zwischen euch und Gott stehen. Öffnet euer Herz für seine Vergebung.
Paulus sagt: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt.“ Das bedeutet: Wer selbst Versöhnung erfahren hat, wird ein Mensch, der sie weiterträgt. Karfreitag endet nicht im stillen Nachsinnen – da kommt etwas in uns in Bewegung. Wir werden ausgesandt. Dort, wo in unserer Umgebung Unversöhnlichkeit herrscht – in Familien, in Gemeinden, zwischen Gruppen – da ruft uns Gott: Werdet selbst Brückenbauer. Seid Menschen, die vergeben, weil euch vergeben wurde. Tragt ein Stück vom Frieden des Kreuzes weiter.
Paulus sagt im Römerbrief (5,10): „Als wir noch Feinde waren, wurden wir mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes.“ Wenn Gott das kann – dann kann durch uns auch neues Miteinander entstehen. Wenn wir heute auf das Kreuz schauen, sehen wir kein Symbol der Niederlage, sondern das Gesicht der Liebe Gottes. Ein verwundetes, aber offenes Herz. Und ein Gott, der sagt: „Ich will nicht, dass du wegbleibst. Ich habe alles getan, damit du leben kannst.“
So ist Karfreitag kein Tag der Trauer ohne Hoffnung – sondern der tiefsten Freude: Gott hat uns versöhnt. Die Tür ist offen. Lasst euch versöhnen mit Gott.
Und nun soll Versöhnung keine Theorie bleiben, sie will gelebt werden, ganz praktisch. Etwa in der Familie: Vielleicht gibt es ein altes Wort, das wie ein Splitter geblieben ist. Heute, am Karfreitag, könnte der Tag sein, an dem wir sagen: „Es tut mir leid.“ Nicht, weil wir schwach sind, sondern weil Christus uns stark gemacht hat, den ersten Schritt zu wagen.
In der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz reicht manchmal ein schlichtes Gespräch, eine faire Geste, um Mauern zu brechen. Wir müssen keine Helden sein – aber Menschen, die dem Frieden Raum geben. Schwieriger ist es in der Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit vieler Brüche – politisch, sozial, kulturell. Wir als Christen sind gerufen, anders zu leben: zuzuhören, wo niemand mehr hinhört, zu verbinden, wo andere trennen. Das fängt klein an – mit Respekt, mit einem offenen Herz. Ich las gerade vor zwei Tagen, dass es in einer Schule in Irland immer wieder wochenweise keine Hausaufgaben gibt, sondern dass die Kinder ein Tagebuch der Freundlichkeit selbst gestalten und sich um Freunde, Nachbarn und Umwelt kümmern. Ein guter Schritt für eine versöhnlichere Gemeinschaft.
Und wie gelingt Versöhnung mit uns selbst? Manchmal ist der schwerste Weg der Weg zur Versöhnung mit sich selbst. Aber auch hier gilt: Gott ist gnädig. Wir dürfen aufhören, uns selbst die Schuld ewig vorzuhalten. Wir können mit unserer Schuld und allem, was uns belastet zu ihm kommen. Am Kreuz spricht Christus: „Du bist frei.“
So endet Karfreitag nicht in der Stille, sondern beginnt neu im Frieden – zwischen Gott und uns, und zwischen Mensch und Mensch.
Gabriele von Dressler
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