22. Februar 2026
1. Mose 3,1-19
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Liebe Gemeinde,
der Titel der Predigt heute habe ich „Jenseits von Eden“ genannt. Es ist nicht nur ein biblisches Motiv, sondern auch der Titel eines berühmten Films aus dem Jahr 1955. Der Film basiert auf dem Roman von John Steinbeck und erzählt die Geschichte zweier Brüder, Cal und Aron, die um die Liebe ihres Vaters kämpfen. Es ist ein moderner Kain-und-Abel-Stoff: Der eine sucht Anerkennung, der andere glaubt, sie zu besitzen. Der eine sehnt sich nach Liebe, der andere versteht sie als Besitz. Und über allem steht die unausgesprochene Frage: Kann man nach einem Scheitern je wieder neu anfangen? Der Film endet nicht mit einer versöhnten Idylle, sondern mit der leisen Hoffnung, dass Liebe selbst dort möglich ist, wo alles zerbrochen scheint – jenseits von Eden. Und genau dahin führt uns auch der Bibeltext heute. Denn die alte Erzählung von Adam und Eva ist keine Geschichte über vergangene Zeiten, sondern eine über unser heutiges Leben: über Vertrauen und Misstrauen, Schuld und Sehnsucht, und über Gott, der uns nicht im Verlorensein lässt.
1. Mose 3, 1-19
Der Sündenfall1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
„Jenseits von Eden“ – dieser Titel klingt nach einer Welt, die wir verloren haben:
nach Geborgenheit, Frieden, Unversehrtheit. Der Garten Eden, das war mehr als ein Ort. Dort war alles gut. Menschen, Tiere und die Schöpfung standen im Einklang mit Gott. Doch schon die ersten Seiten der Bibel erzählen, dass der Mensch diesen Ort verliert. Und seitdem suchen wir ihn immer wieder- in unseren Beziehungen, in der Natur, in der Kunst. Doch die Geschichte aus 1. Mose 3 zeigt uns: Das Paradies liegt nicht mehr hinter uns, sondern vor uns.
Die Szene beginnt unspektakulär: Eine Schlange, eine Frucht, ein Gespräch. Sollte Gott gesagt haben…?“ Mit dieser Frage beginnt der Bruch. Luther schreibt in seiner Auslegung zum Text aus 1. Mose: „Sünde ist nicht zuerst Übertretung, sondern Ungehorsam des Herzens.“ Die Schlange pflanzt Misstrauen: Ist Gott wirklich gut oder hält er uns klein? Damit wird das Fundament des Lebens untergraben, denn am Anfang stand die Beziehung des Vertrauens. Und wo Vertrauen zerstört wird, da entsteht Angst – da greifen wir selbst nach dem, was wir uns erhoffen. Dietrich Bonhoeffer sagt dazu in seiner „Ethik“: „ Das Wissen um Gut und Böse in sich tragend ist der Mensch Richter über Gott und Mensch geworden.“ So geschieht es in Eden: Adam und Eva wollen wissen, ohne sich Gott anzuvertrauen. Und die Freiheit, die sie gewinnen, verwandelt sich in Leere.
Der Baum der Erkenntnis steht in der Mitte vom Garten Eden voller Früchte. Eva sah, dass die Früchte schön waren, nahm sich eine und aß. Und dann biss Adam auch davon ab. Dann „gingen ihnen die Augen auf“. Und was sahen sie? Sie sahen ihre Nacktheit. Das Erste, was danach entsteht, ist Scham. Scham darüber, dass sie sich selbst nicht mehr ertragen können. Karl Barth schreibt im „Kirchlichen Dogmatik“ IV/1: „Die Sünde des Menschen ist seine Weigerung, als Geschöpf zu leben.“ Wir wollen werden wie Gott – und verlieren uns selbst. Erst da, wo der Mensch sich von Gott trennt, merkt er, dass er bloß ist: bloßgestellt, verletzlich, sterblich. Adam versteckt sich zuerst vor Eva, dann vor Gott. So beginnt die Geschichte unserer Entfremdung. Und Gott? Er geht nicht einfach weg, sondern ruft: „Adam, wo bist du?“ Dieses Wort ist keine Strafandrohung, sondern eine Liebeserklärung.
Gott sucht den Menschen auch im Versteck seiner Schuld. Dorothee Sölle schreibt in ihrem Buch „Mystik und Widerstand“: „Gott ist da, wo Menschen sich nicht mehr verstecken.“ Gott ruft – bis heute. Er ruft in unser Schweigen hinein, in unsere Selbsttäuschungen, in die Strukturen unserer Angst. Er fragt: „Wo bist du?“ und nicht: „Was hast du getan?“, sondern: „Wo hast du dich verloren?“ Das ist der Anfang aller Umkehr: nicht Anklage, sondern Beziehung. Dann beschreibt Gott die neue Wirklichkeit: Schmerz und Mühe, Dornen und Staub.
Nicht als willkürliche Strafe, sondern als die logische Folge des gebrochenen Vertrauens. So spricht Gott nicht wie ein Richter, sondern wie jemand, der weiß, was der Mensch sich angetan hat. Doch mitten in diesen ernüchternden Worten blitzt schon ein Funken Hoffnung auf: „Der Nachkomme der Frau wird der Schlange den Kopf zertreten.“ (1. Mose 3,15) Schon im Moment des Scheiterns spricht Gott das erste Evangelium. Das ist, wie Luther es nannte, die „protoevangelium“ – das erste leise Versprechen der Erlösung. Am Ende steht: Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Aber der bemerkenswerteste Vers steht in 1. Mose 3,21: „Und Gott machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fellen und bekleidete sie.“ Er kleidet sie, aber nicht, um zu verdecken, sondern um zu beschützen. Das ist der tiefe Trost dieses Kapitels: Gott bleibt nicht im Paradies zurück. Er geht mit auch jenseits von Eden. Bonhoeffer schreibt: „Gnade ist keine billige Begnadigung, sondern die Gegenwart Gottes mitten in der gefallenen Welt.“ Selbst im Verlust bleibt Gott der Treue. Er schließt den Garten, aber öffnet den Weg durch die Geschichte bis nach Golgatha.
Wir leben jenseits von Eden und kennen Entfremdung, Mühe, Schuld – doch Gott ist dort, wo wir sind. Er ruft uns aus unseren Verstecken, er kleidet uns neu, er schenkt uns Hoffnung, wo alles verloren scheint. So dürfen wir glauben: Das Paradies liegt nicht hinter uns, sondern vor uns, nämlich dort, wo Gott am Ende alle Tränen abwischt und der Baum des Lebens neu erblüht. Amen.
Gabriele von Dressler
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