Predigt 12. April 2026
Bibeltext: Jesaja 40, 26-31
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Liebe Gemeinde,
immer wieder höre ich in Seelsorgegesprächen gerade bei älteren Menschen, dass sie müde geworden sind. Sie spüren, dass vieles nicht mehr so schnell geht und das Ausruhen immer wichtiger wird. Ich versuche ihnen dann zu sagen, dass es ganz gut ist, wenn sie sich die Pausenzeiten nehmen und sich hinlegen. Auch ich kenne es, dass ich nach einem kurzen Mittagsschlaf wieder neue Kräfte bekomme. Ja, wir werden auch müde und hilflos, wenn wir immer wieder die Nachrichten hören. Da kann sich Lebensmüdigkeit einstellen.
Und genau in diese Situation spricht der Predigttext heute aus dem Jesajabuch. Er richtet sich an Menschen, die müde geworden sind – damals und auch heute inmitten all unserer Krisen und Erschöpfungen.
Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies erschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen.; seine Macht und starke Kraft ist groß´, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Ja, auch wir kennen diese Müdigkeit: Menschen sind erschöpft von der Arbeit, die anstrengend ist, von Sorgen und Ängsten, von der Dauerkrise, die uns in Atem hält. Auch wir als Gemeinde spüren das: es gibt weniger Ehrenamtliche, die mithelfen, da die persönlichen Aufgaben schon ausreichen, wir meinen, dass wir weniger Zeit zur Verfügung haben, merken aber manchmal gar nicht, wie uns die sozialen Medien und das Internet die Zeit auffressen, und es gibt immer mehr Aufgaben. Man hört es überall: „Ich kann nicht mehr.“ Und nicht selten kommt der Nachsatz: Sieht eigentlich überhaupt jemand, ob ich da bin- sieht mich Gott? Diese Klage ist uralt – und zugleich brandaktuell.
Und mitten in diese Klage hinein ruft Jesaja: „Hebet eure Augen in die Höhe und sehet!“ (V.26) Das ist mehr als ein Ratschlag. Es ist eine Einladung, den Blick zu heben – weg von dem, was uns niederdrückt, hinauf zu Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Jesaja sagt: Schau nach oben. Schau zu den Sternen. Gott hat sie alle gezählt. Und er sieht auch alle Menschen, die auf seiner Erde leben. Er ruft sie alle mit Namen – und keiner fehlt. Wenn Gott sich mit solcher Treue um das unbegreiflich Große kümmert, wird er dann uns, seine Kinder, vergessen?
Der Blick nach oben verändert den Blick nach innen. Wer auf Gott sieht, sieht alles andere in neuem Licht. Und dann nimmt Jesaja das Bild vom Adler. Kraftvoll kreist ein Adler oben am Himmel und sieht selbst aus einer ganz großen Entfernung eine kleine Maus auf dem Feld. Er hat scharfe Augen, ich habe nachgelesen, dass sie 8-mal schärfer sehen als menschliche Augen. Majestätisch bewegen sie sich und gleiten am Himmel. Sie können aber auch sehr schnell fliegen, gerade dann, wenn sie etwas zum Fressen entdeckt haben. Adler haben den Überblick, weil sie eine andere Perspektive einnehmen können.
Wie sehr wünschen wir uns das auch, dass wir unsere Perspektive wechseln und unsere Situation mit Abstand betrachten können.
Drei Astronauten und eine Astronautin der Artemis-2-Mission waren gerade auf einer Reise zum Mond und sie waren so weit von der Erde entfernt, wie noch nie Menschen vorher. Sie haben berichtet, dass die Erde aus ihrer Perspektive vom Weltall auswunderschön aussieht. So haben sie von unserer Erde geschwärmt.
Weiter heißt es im Predigttext: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR wird nicht müde noch matt.“ (V.28) Das ist eine der stärksten Aussagen über Gott in der Bibel. Gott kennt keine Erschöpfung, kein Burn-out, kein Aufgeben. Er ist keine ferne Idee, sondern die unermüdliche Quelle des Lebens. Dietrich Bonhoeffer schrieb aus der Gefängniszelle: „Gott gibt uns nicht immer die Kraft im Voraus, aber er gibt sie, wenn wir sie brauchen.“ So ist Gottes Kraft: Sie kommt rechtzeitig und trägt uns.
Nur warum spüren wir das nicht immer? Ich denke, weil wir verlernt haben, wirklich auf ihn zu vertrauen. Wir haben unsere Ideen im Kopf, wie Gott handeln wird und sind enttäuscht, wenn er es nicht so macht, wie wir es denken.
Gott aber ist unermüdlich am Werk. Wir müssen nur immer wieder unsere müden Augen öffnen. Gerade jetzt im beginnenden Frühling können wir es am Erwachen seiner Schöpfung sehen. Zart entfalten sich die Knospen an den Bäumen und Sträuchern- die Natur erwacht zu neuem Leben. Die Tage werden sonniger und heller und die Lebensfreude bahnt sich ihren Weg ins Licht. Wenn wir das als Gottes Geschenk an uns wahrnehmen, dann können wir nur staunend erkennen, wie groß unser Gott ist. Weiter heißt es: „Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ (V.29) Das ist kein moralischer Appell: „Reiß dich zusammen!“, sondern ein Zuspruch: Gott teilt seine Kraft mit uns.
Auch Paulus formuliert es so in 2. Korinther 12,9: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das ist die frohe Botschaft: Unsere Grenzen sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Gottes Wirken. Und dann kommt der große Vers: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ (V.31) „Harren“ – das heißt im Hebräischen qäwäh: nicht passives Warten, sondern festes, hoffendes Vertrauen. So wie ein Kind weiß: irgendwann kommt die Mutter nach Hause – und dieses Wissen trägt durch die Zeit des Alleinseins. lernen vertrauen und Glauben genau wie ein Kind, Schritt für Schritt.
Glaube bedeutet dann, auf Gott zu vertrauen, auch wenn wir ihn nicht sehen können.
Wer auf Gott harrt, lernt, sich tragen zu lassen – nicht von eigener Kraft, sondern von der göttlichen Wärme des Vertrauens. Glauben heißt auch, wir müssen nicht immer kämpfen, rudern, oder etwas leisten, sondern wir können uns heben lassen vom Aufwind Gottes. Manchmal ist das Schwerste, was wir tun können, einfach still zu werden – und zu vertrauen, dass Gott noch wirkt.
Wir können zulassen, dass wir müde und schwach werden. Gott verurteilt dich nicht dafür. Er ruft uns in seine Nähe und Ruhe. Wir müssen nicht alles allein schultern. Unsere Kirche lebt nicht nur von Aktivität, sondern von Gottes Treue und dem Hören auf sein Wort. Das ist das Zentrum. Und für die Welt können wir um Gottes Hilfe bitten. Und schließlich heißt Glaube an Gott: Ich halte fest an der Zukunft Gottes, auch wenn sie noch verborgen ist.
Amen
Gabriele v. Dressler
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