Predigt am 22. März 2026 · Judika
Hebr 13, 12–14
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Liebe Gemeinde,
wir leben hier in dem wunderschönen Ort Königsfeld. Vieles hier ist uns vertraut. Würdet ihr einen anderen Ort bevorzugen? Oder haben wir es uns hier nicht schon richtig gut eingerichtet? Mal ganz ehrlich! Diese Fragen kann jeder und jede für sich beantworten.
Der Predigttext heute hat da eine ganz neue Botschaft für uns. Er stammt aus dem Hebräerbrief. Paulus beschreibt darin zwei große Themen: einmal das Christus das einmalige Opfer für uns gebracht hat und den Aufruf, in seiner Nachfolge zu leben – als Menschen, die diesen neuen Bund wirklich ernst nehmen. Er schreibt an Christen, die spüren: Nachfolge kostet etwas. Und genau hier hinein fallen diese Verse am Ende des Briefes – ein kurzer Abschnitt, aber theologisch von erstaunlicher Dichte:
„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13, 12–14)
„Draußen vor dem Tor“ – das war im alten Israel kein Zufallsort, das war der Ort der Unreinheit. Nach den Bestimmungen in Levitikus 16,27 wurden die Körper der Sündopfer außerhalb des Lagers verbrannt. Im Lager war das Heilige, das Geordnete, das Reine; draußen – das war der Abfallplatz, der Ort der Ausgestoßenen. Genau an diesem Ort, sagt der Hebräerbrief, hat Christus gelitten, und dort hat er uns geheiligt.
Jesus stirbt nicht im Tempelbezirk, nicht in einer geordneten religiösen Atmosphäre, sondern „vor der Stadt“, auf Golgatha (Joh 19, 17). Und genau dort, wo menschlich gesehen alles verloren ist, schafft Gott Heil. Der Ort der Schmach wird zum Ort der Heiligung. Das bedeutet für uns: Christus ist da zu finden, wo keiner ihn sucht – draußen, in der Dunkelheit, bei den Verworfenen. Wer also Christ sein will, kann ihn nicht im Glanz suchen, sondern dort, wo vermeintlich nichts Göttliches ist.
Der Brief bleibt nicht theoretisch. Er zeichnet eine Konsequenz auf: So lasst uns hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Glaube bleibt nicht in geschützten Räumen. „Das Lager“ steht sinnbildlich für unsere Sicherheiten – für religiöse Gewohnheiten, für bekannte Orte, geordnete Systeme, vielleicht auch für das, was sozial angesehen ist. „Hinausgehen“ heißt: Wir verlassen den Ort der Selbstverständlichkeit, um Christus dort zu begegnen, wo er wirklich ist.
Jesus selbst hat das so gesagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8, 34). Und Paulus formuliert es im Philipperbrief (3, 7): „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust erachtet.“ Nachfolge führt hinaus- nicht hinein.
Nicht in den Schutz von Mauern, sondern in die Welt, mit all ihrer Unsicherheit.
Ich denke da z.B. an Albert Schweitzer. Er hat sein bekanntes Umfeld aufgegeben, um in Gabun ein ganzes Dorf zu errichten, um den Patienten in Afrika zu helfen und ihnen ganz nah zu sein. Er nannte den Ort Lambarene – das ist aus der Galo-Sprache und bedeutet; „wir wollen es versuchen“. Er hatte eine Vision und hat sie in die Tat umgesetzt. Das ist eine ganz praktische Umsetzung des Hebräerbriefes: hinausgehen, Erschwernisse/ Schmach ertragen – und in der Schwachheit dem Heiligen begegnen.
Das Wort „Schmach“ klingt für uns alt und schwer. Es bedeutet: Kränkung und Demütigung. Es beschreibt ein Grundmuster christlicher Existenz. Schon Mose, so lesen wir in Hebräer 11, 26, „hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens“. Die Schmach Christi – das ist das Leid des Gehorsams, die Verachtung des Evangeliums, das Unverständnis, dem man begegnet, wenn man sich auf Gottes Maßstäbe einlässt.
Und doch: Gerade diese Schmach heiligt. In 2. Kor 5, 21 heißt es: „Er wurde für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gerechtigkeit Gottes würden in ihm.“ Schmach ist nicht der Makel der Gemeinde – sie ist ihr Kennzeichen.
Dietrich Bonhoeffer schrieb im Gefängnis: „Christus ist nicht da, wo die eigene Stärke ist, sondern da, wo der Mensch schwach ist.“ Und weiter: „Eine Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“
Dort, wo die Kirche Schmach trägt, weil sie sich zu Christus stellt – in sozialen Spannungen, in gelebter Solidarität mit den Verachteten – dort wird sie geheiligt.
Der letzte Satz öffnet den Horizont: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das ist kein resigniertes „Hier ist sowieso alles vergänglich“, sondern ein Bekenntnis zur Pilgerschaft des Glaubens. Schon im 11. Kapitel des Hebräerbriefes heißt es über Abraham, er habe „auf die Stadt gewartet, die feste Fundament hat, deren Baumeister Gott ist.“
Das heißt: Wir leben provisorisch. Nicht weil uns alles egal ist, sondern weil wir wissen, dass hier nichts Endgültiges steht. Wir sind frei von der Illusion, alles müsse hier Bestand haben – unsere Kirchen, unsere Strukturen, sogar unser Glaube in seiner gewohnten Form. Wir suchen die kommende Stadt – und gerade diese Suche gibt uns Richtung, Hoffnung, Leichtigkeit.
Man spürt das oft an Menschen, die mitten in Unsicherheiten dennoch Frieden ausstrahlen. Sie hängen nicht an Besitz, Ansehen oder Erfolg. Ihr Halt liegt ganz woanders. Christen dürfen auf dieser Erde mit leichten Schuhen gehen – bereit zum Aufbruch, weil das Entscheidende schon entschieden ist: Christus hat uns geheiligt. Wenn wir also diesen kurzen Abschnitt zusammennehmen, dann hören wir drei Bewegungen: Christus ist hinausgegangen an den Ort der Schmach – zur Rettung der Welt.
Wir sind gerufen, ihm nachzugehen, hinaus aus den sicheren Lagern unserer Gewohnheit. Wir tun das in der Gewissheit, dass unsere Zukunft bei Gott liegt – nicht in dieser Stadt.
Die Kirche lebt nicht von Sicherheit in festen Mauern, sondern von Nachfolge.
Nicht vom Glanz, sondern von der Gegenwart des Gekreuzigten.
Nicht von Besitz, sondern von der Suche nach der zukünftigen Stadt.
Christus steht draußen und ruft nach uns. Und dort, draußen vor dem Tor, an den Rändern, in der Schwachheit, da blüht Heiligung auf.
Darum lasst uns, liebe Gemeinde, neu hören: „So lasst uns nun hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.“ Nicht aus Trotz, sondern aus Vertrauen. Nicht als Rückzug, sondern als Aufbruch. Denn gerade dort, wo es keinen Glanz gibt, ist der, der selbst die Welt heil gemacht hat – Jesus Christus, der draußen stand, damit wir drinnen bei Gott sein dürfen.
Und so gilt: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Amen.
Gabriele von Dressler
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