17. Mai 2026 · Exaudi
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Liebe Gemeinde,
zwischen Himmelfahrt und Pfingsten liegt dieser Sonntag Exaudi. Jesus ist den Augen seiner Jünger entzogen worden. Ein großartiges Ereignis. Zweifellos. Und die große Freude von Ostern ist auch noch da — aber nun entsteht eine Lücke. Eine Zwischenzeit. Ein Warten. Noch ist Pfingsten nicht gekommen. Noch ist der Geist nicht sichtbar ausgegossen. Die junge christliche Gemeinde steht zwischen Verheißung und Erfüllung.
Und genau in eine solche Zwischenzeit spricht auch der Prophet Jeremia. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“
Jeremia spricht nicht in eine heile Welt hinein. Hinter diesen Worten stehen Zerbruch, Schuld, Verlust und die Erfahrung: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Und doch sagt Gott nicht: Es ist vorbei. Gott sagt: Es kommt die Zeit.
Und liebe Gemeinde, diese kommenden Tage waren nicht einfach eine ferne, unbestimmte Zukunft. Sie waren schon im Kommen. Sie waren schon erfahrbar. Gottes Zukunft begann schon dort, wo Israel nur Bruchstücke sahen konnte.
Das ist Evangelium mitten im Alten Testament: Denn Gott gab seine Geschichte mit seinem Volk niemals auf.
Am Freitag hörten wir in der Losung ein anderes Wort aus Jeremia: „Kommt, wir wollen uns dem HERRN zuwenden zu einem ewigen Bunde, der nimmermehr vergessen werden soll! Da ist Bewegung: Kommt. Wendet euch dem Herrn zu. Sucht den Bund, der nicht vergessen wird.
Und heute, am Sonntag Exaudi, hören wir die tiefere Antwort Gottes darauf: Dieser Bund hängt nicht zuerst an unserer Kraft, an unserer Frömmigkeit, an unserem Erinnerungsvermögen. Gott selbst schafft ihn neu. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“
Das ist mehr als ein neuer Vertrag. Mehr als ein religiöser Vorsatz. Mehr als ein moralischer Appell. Gott schreibt seine Weisung ins Herz.
Wir alle kennen das Problem: wir können wissen, was richtig ist — und tun es doch nicht. Wir können Gebote kennen — und bleiben innerlich unverändert. Wir können von Gott reden — und doch im Herzen weit weg sein. Darum reicht es nicht, dass Gottes Wort nur äußerlich vor uns steht. Es muss in uns hinein. Es muss unser Herz erreichen. Der Mensch erneuert sich nicht selbst. Der Glaube ist nicht unser Werk, sondern Gottes Gabe. Vergebung ist nicht unser Verdienst, sondern Gottes Zusage. Und ein neues Herz entsteht nicht durch religiöse Anstrengung, sondern durch Gottes Geist. Darum passt dieser Text so gut zu Exaudi.
Wir stehen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir warten auf den Geist. Und Jeremia sagt uns: Gott will nicht nur über uns herrschen. Er will in uns wohnen. Er will sein Wort nicht nur auf Tafeln schreiben, sondern in Herzen.
Und doch müssen wir vorsichtig sein. Dieser neue Bund wird bei Jeremia Israel verheißen. Die Kirche ersetzt Israel nicht. Gottes Treue zu Israel wird nicht widerrufen. Der neue Bund bedeutet nicht: Gott verwirft die einen und nimmt die anderen. Im Gegenteil: Gerade dieser Text zeigt, wie unverbrüchlich Gott an seinem Volk festhält.
Wir Christen lesen diese Worte im Licht Christi. Beim Abendmahl hören wir: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ Aber wir hören das nicht gegen Israel, sondern als Menschen, die aus Gnade in Gottes Erbarmen hineingenommen sind.
Und der Mittelpunkt dieses neuen Bundes steht am Ende unseres Predigttextes: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Das ist der Grund, auf dem wir alle stehen.
Nicht auf unserem guten Willen.
Nicht auf unserer religiösen Leistung.
Nicht unsere Fähigkeit, Gott festzuhalten.
Sondern auf Gottes Vergebung.
Am Freitag hieß es: „Kommt, wir wollen uns dem HERRN zuwenden.“ Heute hören wir: Wir können kommen, weil Gott uns schon entgegenkommt. Wir können umkehren, weil Gott vergibt. Wie der verlorene Sohn zu seinem liebenden vergebenden Vater zurückkehrt. Wir können hoffen, weil Gott sein Wort in unsere Herzen schreiben will. Dann werden wir nicht mehr fortlaufen wollen.
Liebe Gemeinde, vielleicht gibt es auch in unserem Leben solche Zwischenzeiten wie beim Volk Israel und wie bei der jungen Kirche zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Zeiten, in denen etwas vergangen ist und das Neue noch nicht sichtbar ist. Zeiten nach einem Abschied. Zeiten der Unsicherheit. Zeiten, in denen wir fragen: Wie geht es überhaupt weiter?
Exaudi sagt: Wartet. Betet. Haltet euch an Gottes Verheißung. Und Jeremia sagt: Gott beginnt neu. Und das Evangelium sagt: Dieser Neuanfang geschieht nicht an uns vorbei, sondern in uns.
Gott schreibe sein Wort in unsere Herzen.
Gott stärke uns durch seinen Geist.
Gott führe uns aus der Angst in Vertrauen,
aus der Schuld in Vergebung,
aus der Einsamkeit in Gemeinschaft,
aus dem Warten in Hoffnung.
Denn er spricht: „Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“
Amen.
Gerald MacDonald
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