- Januar 2026 · 2. Sonntag nach Epiphanias
Jeremia 14
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Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Texte der Bibel, die uns nicht erklären, sondern begleiten. Jeremia 14 ist ein solcher Text.
Kein Wort von Lösung. Kein Wort von Erlösung
Kein himmlischer Durchbruch. Kein Regen am Ende.
Nur Dürre. Nur Staub. Nur Tiere, die keine Weide finden.
Und ein Gebet, das im Raum stehen bleibt.
„Warum bist du wie ein Fremdling im Land?“
Liebe Schwestern und Brüder, das ist kein frommer Satz.
Das ist die Sprache eines Verlassenen.
Auffällig hier ist, dass Jeremia hier nicht allein betet.
Er sagt nicht: Das Volk hat gesündigt.
Er sagt: „Wir haben gesündigt“. Mose und andere Propheten haben sich meistens vom sündigen Volk distanziert. Sie haben das Volk geschimpft und ermahnt. Das macht Jeremia nicht. Wenn er überhaupt jemanden schimpft, dann ist es Gott selbst. „Warum bist Du wie ein Fremdling im Land? Warum bist Du wie ein Kriegsheld, der nicht mehr helfen kann – oder will? Herr, verlass uns nicht!“
Die moderne Exegese nennt diesen Auszug eine unerhörte Klage.
Nicht, weil Gott taub wäre – sondern weil der Text uns lehrt, dass ein Gebet wahr sein kann – ein Gebet kann redlich sein – es kann rechtschaffen und inbrünstig sein – und trotzdem kommt von Gott keine Antwort.
Und das ist wichtig für uns. Denn Gottes Schweigen erleben wir selber in unseren Leben. Wir beten. Wir bekennen. Wir bitten. Und Gott bleibt still. Es ist nicht leicht auszuhalten: das Schweigen.
Aber liebe Brüder und Schwestern, nicht jedes Schweigen ist Strafe. Nicht jedes Ausbleiben ist Ablehnung. Als ich über den Predigttext reflektierte, habe ich an die alten Zeiten der Brüdergemeine gedacht, an die Zeiten, wo sie das Los gebraucht haben. Bei uns ist das Los aus der Mode gekommen, aber bis 1818 wurde es oft gezogen. Zuerst fast wöchentlich und später fast monatlich. Und beim Losen gab es drei mögliche Antworten. Ja. Nein. Warten. Und Warten war das häufigste Los.
Wir haben uns den Gebrauch des Loses abgewöhnt, aber die Antwort auf unsere Gebete ist ebenfalls oft Warten. Und Warten liegt uns nicht. Wir Menschen sind ungeduldig. Wir wollen Antworten. Wir wollen Taten sehen.
Martin Luther hat sich mit Jeremia auseinandergesetzt. Er hat gesagt: Das Gebet ist echt – aber es bleibt im Gesetz. Es reicht nicht bis zur Gewissheit. Gott wird geschimpft, weil er etwas nicht tut. Aber beim Volk fehlt es am Glauben, dass er es tatsächlich tun wird.
Johannes Calvin hat gesagt: Die Worte sind richtig – aber die Umkehr ist nicht vollständig. Wie es später bei Jeremia steht, das Volk setzte sein Verhalten fort. Es folgte nicht Gottes Gebote. Es blieb stur. Kein Wunder, dass Gott schwieg.
Aber, liebe Brüder und Schwestern, wenn wir dort stehen bleiben,
dann wird dieser Text zu einer Last. Dann fragen wir uns:
- Habe ich genug geglaubt?
- Habe ich genug bereut?
- Habe ich genug umgekehrt?
Und genau hier ist die brüderische Tradition hilfreich.
Zinzendorf hat sich zu unserem Predigttext nicht direkt geäußert. Leider. Aber hätte er es getan, hätte er nicht gefragt:
Warum wird das Gebet nicht erhört? Zinzendorf hätte sich stattdessen gefragt: Wo ist das Lamm in diesem Gebet? Zinzendorf sprach ja oft vom Lamm. Die Opferrolle von Jesus war zentral zu seiner Theologie. Also, wo ist das Lamm in diesem Gebet, in dieser Geschichte? Und seine Antwort wäre gewesen: Mittendrin. Christus ist nicht die Lösung erst am Ende der Geschichte, sondern der Mitbetende im Jetzt. Jesus ist bei Jeremia in seinem Gebet. Auch wenn Jeremia Jesus – an sich – noch nicht kannte. Jesus kennt Jeremia. Und war schon bei ihm und beim Volk Israel.
Jesus hat die Dürre miterlebt. Jesus hat das Schweigen Gottes miterlebt. Wenn Israel fragt: „Warum bist du wie ein Fremder?“ dann spricht Christus diese Worte mit. Denn er hat selbst gefragt: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das Entscheidende ist nicht, ob Gott antwortet, denn Gottes Handeln bleibt bei seinem unerforschlichen Ratschluss. Das Entscheidende ist, ob wir bleiben. In Jesus bleiben. In Gott bleiben. Gott kommt oft verkleidet, Manchmal als Fremder. Manchmal als Schweigen. Manchmal als Kreuz. Aber gerade dort ist er am nächsten. Nicht der erhörte Gott rettet uns – sondern der bleibende Christus.
Auch wenn der Himmel verschlossen scheint,
auch wenn keine Verbesserung oder Veränderung sichtbar ist, auch wenn die Dürre bleibt:
Wir dürfen klagen.
Wir dürfen fragen.
Wir dürfen Gott fremd nennen –
und ihn doch nicht verlassen.
Wir dürfen bleiben.
Liebe Schwestern und Brüdern, Jeremia 14 lehrt uns nicht, wie wir Gott zum Handeln bringen, sondern wie wir bei Gott bleiben, wenn er nicht handelt. Manchmal handelt er. Manchmal handelt er nicht. Und manchmal wartet er.
Aber während des Wartens, das Lamm wartet mit uns.
Wenn ihr betet und nichts geschieht,
wenn ihr klagt und sich nichts ändert,
wenn Gott euch fremd erscheint –
dann seid ihr Jeremia näher,
als ihr denkt.
Und Christus ist euch näher,
als ihr fühlt.
Bleibt beim Lamm.
Auch im Schweigen.
Gerade im Schweigen.
Amen.
Gerald MacDonald
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