Predigt am 8. Februar 2026, Sexagesimä
Hesekiel 2,1 – 3,3
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Liebe Gemeinde,
der Prophet Hesekiel liegt am Boden. Nicht bildlich gesprochen – er liegt wirklich da. Er ist überwältigt von der Erscheinung Gottes, von dem, was er sieht und hört. Und genau dort, im Staub, beginnt Gottes Reden.
„Und er sprach zu mir: Menschensohn, steh auf deine Füße, ich will mit dir reden.“ (Hesekiel 2,1)
Hesekiel kann aber nicht aufstehen. Ihm fehlt die Kraft. Er braucht Gottes Hilfe.
„Noch während er dies sprach, erfüllte mich der Geist Gottes und richtete mich auf.“
Das, liebe Gemeinde, ist entscheidend. Der Prophet richtet sich nicht selbst auf.
Der Geist Gottes richtet ihn auf.
Hier geht es nicht um Disziplin, nicht um innere Stärke, nicht um religiöse Leistung. Wer Gott wirklich gehört hat, wer wirklich berührt wurde von seiner Heiligkeit, liegt erst einmal am Boden.
Und genau dort kommt der Heilige Geist.
Der Geist macht aus einem Liegenden einen Stehenden.
Aus einem Erschütterten einen Hörenden.
Aus einem Schweigenden einen Gesandten.
Das ist die Geschichte des Hesekiels.
Wir sind nicht anders. Auch wir kommen oft liegend – diesmal bildlich gesprochen. Wir sind müde. Zweifelnd. Leer. Und auch wir werden nicht durch eigene Stärke aufgerichtet, sondern durch Gottes Geist. Das gilt für Hesekiel. Und das gilt für uns – auch heute, auch hier, auch gleich am Tisch des Herrn.
Dann geschieht Hesekiel etwas Merkwürdiges. Hesekiel bekommt keine Botschaft zugeflüstert, die er verkünden sollte. Keine Rede zum Vorlesen. Kein Skript zum Ablesen.
Gott gibt ihm eine Schriftrolle – und sagt: „Menschensohn, iss das.“
Liebe Gemeinde, das ist nicht normal.
Aber Gott ist ja selten normal. Warum sollte er es auch sein? Und warum sollte Hesekiel die Schriftrolle essen? Weil Gottes Wort nicht nur gesprochen, sondern verinnerlicht werden soll.
Weil Hesekiel nicht nur Überbringer, sondern Träger der Botschaft sein soll.
Er soll das Wort Gottes in sich tragen, wie Maria Jesus in ihrem Bauch tragen wird. Denn Worte sind manchmal nur Worte.
Man kann Worte zitieren, ohne sie zu leben.
Man kann Texte kennen, ohne von ihnen geprägt zu sein.
Aber was man isst, wird Teil des eigenen Körpers.
Hesekiel soll Gottes Wort nicht nur auf den Lippen haben, sondern im Innersten.
Es soll ihm nicht ergehen, wie Jesaja vom Volk Israel erzählt: „Dies Volk naht sich zu mir mit seinem Munde und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir“.
Nein, liebe Gemeinde. Gottes Wort soll durch Hezekiel hindurchgehen – Herz, Verstand, Eingeweide. Erst dann darf er reden.
Und das Abendmahl, das wir gleich feiern werden, spricht genau dieselbe Sprache:
Nicht anschauen.
Nicht erklären.
Nicht diskutieren.
Sondern essen und trinken. Aufnehmen.
Gottes Wort wird Fleisch. Gottes Zusage wird Leib und Blut. Glauben geht durch den Mund – mitten in unser Leben.
Und was steht auf der Schriftrolle, die Hezekiel isst und wie Honig schmeckt?
Liebe Gemeinde, es ist nichts Angenehmes:
Es sind „Klage, Seufzen und Wehe.“
Man könnte sagen: Es sind Unwörter. Worte, die man nicht hören will. Worte, die nicht trösten, sondern aufdecken. Worte, die stören.
Unwörter in der Bibel sind Worte, die:
- Schuld benennen
- Ungerechtigkeit nicht schönreden
- falsche Sicherheiten zerstören
- fromme Selbsttäuschung entlarven
Hesekiel wird nicht gesandt, um nett zu reden. Er wird gesandt, um wahr zu reden. Und die Wahrheit ist nicht immer angenehm. Gerade für ein Volk, das sich an Gott gewöhnt hat, aber ihm nicht mehr vertraut. Ein Volk, dass Gott bloß mit den Lippen verehrt.
Aber warum ist die Schriftrolle süß?
Im letzten Vers steht: „Und es war süß wie Honig in meinem Mund.“
Wie kann Klage süß sein?
Wie kann Gericht wie Honig schmecken?
Nicht, weil sie angenehm sind.
Sondern weil sie Gottes Wort sind.
Süß ist nicht die Botschaft – süß ist die Begegnung.
Süß ist, dass Gott überhaupt redet.
Süß ist, dass er sein Volk nicht aufgegeben hat.
Süß ist, dass die Wahrheit gesagt wird, statt Schweigen herrscht.
Gottes Wort ist süß, weil es Leben bedeutet – selbst dort, wo es schmerzt.
Wie Arzneimittel bitter sein kann und doch heilt, so ist Gottes Wort manchmal schwer – und doch lebensrettend.
Und genau hier berührt sich Hesekiels Erfahrung mit dem Abendmahl:
Auch dort kommt Bitterkeit vor – Kreuz, Leid, Tod.
Und doch nennen wir es Mahl der Freude.
Weil Jesu Leid, Tod und Auferstehung uns Leben schenkt.
Hesekiel wird zu einem widerspenstigen Volk gesandt. Gott macht ihm keine falschen Hoffnungen. Denn das Volk Israel ist wie der unfruchtbare Boden im Jesu Gleichnis. Abgehärtet. Felsig und mit Dornen zugewachsen.
Aber Gott gibt Hezekiel vorher Nahrung. Er gibt ihm sein Wort. Und er gibt ihm seinen Geist. Da haben wir die Trinität. Wenn das nicht stark macht, was denn?
Liebe Gemeinde,
gleich feiern wir das Mahl des Herrn. Danach werden auch wir gesandt – zurück in unseren Alltag.
Nicht in eine ideale Welt.
Nicht in einfache Gespräche.
Nicht in konfliktfreie Beziehungen.
Darum kommt zuerst der Tisch.
Darum kommt zuerst das Essen.
Darum kommt zuerst Gottes Zusage:
Du lebst nicht aus dir selbst.
Liebe Gemeinde,
wie Hesekiel stehen wir heute nicht aus eigener Kraft.
Wie Hesekiel füllt uns Gott mit seinem Geist.
Wie Hesekiel leben wir von einem Wort, das wir nicht nur hören, sondern verinnerlichen.
Wie Hesekiel dürfen wir erleben: Gottes Wort ist manchmal schwer – aber immer lebensfreundlich.
Und so kommen wir jetzt zum Abendmahl.
Nicht als Starke.
Nicht als Fertige.
Sondern als Aufgerichtete.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herze und Sinne im Jesu Christi. Amen.
Gerald MacDonald
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