Liebe Gemeinde, Liebe Schwestern, Liebe Brüder und Gäste,
Frauen habe ich immer bewundert. Mütter habe ich immer beneidet. Schon immer habe ich einen bestimmten Moment im Leben jeder Mutter beneidet. Das erste Mal, dass sie ihr Kind in den Armen hält. Jedes Mal, das ich das Foto einer frisch-gebackenen Mutter sehe, wo sie ihr Kind in den Armen hält, frage ich mich: Was denkt sie gerade? Was geht ihr gerade durch den Kopf? Meistens sieht sie etwas müde aus. Aber meistens lächelt sie auch. Neun Monate lang hat sie das Kind in ihrem Bauch getragen. Neun Monate lang waren sie und ihr Kind untrennbar. Neun Monate lang spürte sie wie das Kind heranwuchs. Von einer einzigen Zelle auf ca. 3 bis 5 Billion Zellen. (Das habe ich nachgeschlagen.) Das sind zwölfmal Null nach dem Komma.
Wie viele Zellen genau, weiß auch die moderne Wissenschaft nicht. Sie sind zu klein zu zählen. Und das alles in nur neun Monaten. Und nun, nach der Geburt, die bei jeder Schwangerschaft unterschiedlich einfach ablaufen kann, hält die Mutter zum ersten Mal ihr frisch-geborenes Baby in den Armen. Was geht ihr gerade durch den Kopf?
Liebe Gemeinde, ich weiß die Antwort nicht. Ich werde sie nie wissen. Das bleibt ein Geheimnis, das nur eine Mutter wissen kann. Mann zu sein hat seine Grenzen.
Es ist für mich leichter zu fragen; was geht dem Vater durch den Kopf, wenn sein Kind geboren wird? Und wenn man sich frühere Bräuche anschaut, ist die Antwort: ziemlich wenig. Früher war es in Deutschland, wie in den USA, Brauch, eine Zigarre zu rauchen, um die Geburt eines Kindes zu feiern. Ich werde nicht sagen „typisch Mann!“, aber wirklich? Eine Zigarre? Fällt uns Männern nichts Besseres ein als eine stinkende Zigarre zu rauchen, am liebsten noch am Wochenbett, damit die Mama und das Kind etwas davon haben.
Als ich 16 Jahre alt war, kam die Miniserie „Roots“ in den Fernseher. Ich glaube, sie hieß hier „Wurzeln“. Es war die Geschichte eines Afrikaners, der als freier Mensch in Gambia geboren wurde und als Sklave nach Amerika verkauft wird. Es gab die Szene, wo Kunta Kinte in Afrika geboren wurde. Unmittelbar nach seiner Geburt, wird er von seinem Vater emporgehoben und den Ahnen, dem Schöpfer und dem Universum vorgestellt. Das war gleichzeitig die Anerkennung des Vaters, dass das Kind ihm gehörte und nun ein Teil der Familie und des Volks war.
Diesen afrikanischen Brauch halte ich für etwas würdiger als das Rauchen einer Zigarre. Und wie war es beim Geburt Jesu? Was machte Jesu Mutter und Vater nach seiner Geburt? Was Maria betrifft, ist Lukas ziemlich karg. „Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall, denn im Gasthaus hatten sie keinen Platz bekommen.“ Was Maria in dem Moment dachte, wird nicht berichtet. Die Geburt Jesu ist wie die ganzen Fotos, die man sieht von Mutter und Kind und sich fragt, was denkt sie gerade? Die Weihnachtskrippen, die wir so lieben, sind genauso schweigsam. Wir sind frei uns vorzustellen, was die Figuren in dem Ensemble denken.
Und was dachte der Vater von Jesu, als sein Kind geboren wurde. Ich rede hier natürlich von Jesu himmlischem Vater, nicht von seinem irdischen, Josef. Denn über Josef wird fast gar nichts berichtet. Nein. Liebe Gemeinde, ich rede hier von Gott. Was dachte Gott Vater als seinen Sohn Jesu geboren wurde?
Und da haben wir Anhaltspunkte. Ich denke vor allem an die Hirten und die Engel, als Gott den Himmel öffnete und eine Engelschar auf die Erde schickte.
Liebe Gemeinde, bei den Ereignissen um die Geburt Jesu denken wir vor allem daran, was sie für UNS bedeutet. Was sie für UNS MENSCHEN bedeutet. Wir sind ja ziemlich egoistisch. Und Lukas schreibt die Geschichte tatsächlich für uns, weil Jesus eben für uns in die Welt gekommen ist. Aber was bedeutete Jesu Geburt für seinen Vater? Wie ging es ihm als Jesus geboren wurde? Was ging ihm durch den Kopf als sein Sohn Fleisch geworden ist. Als er Mensch geworden ist?
Ja, den Hinweis haben wir bei den Hirten und Engeln. Gott lehnte sich nicht zurück, teilte eine Runde Zigarren aus und rauchte sie mit seinen Engeln. Nein. Er öffnete den Himmel und ließ eine Schar von den Engeln auf die Erde hinab um seine Freude, seine überschwängliche Freude kundzutun.
Freude? Ja. Freude vor allem über das, was Jesu Geburt uns Menschen bedeuten würde. Freude, dass „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ nun einkehren würde. Aber ich glaube, bei Gott Vater war auch etwas Wehmut in der Ankündigung der Geburt seines Sohnes dabei.
Ich finde das Bild von der Geburt von Kunta Kinte hier passend. Aber wo Kunta Kinte von seinem Vater gen Himmel emporgehoben wurde, wurde Jesus von seinem Vater auf die Erde niedergelassen.
Und Gott musste das Ereignis würdig markieren. Für uns, aber auch für sich! Gott musste den Himmel öffnen und eine Engelschar hinunterschicken. Er musste den Tag bombastisch markieren, denn er wusste schon, was Jesu Geburt ihm 30 Jahre später kosten würde. Denn um den Menschen Frieden zu bescheren, wie die Engeln verkündeten, musste einen Preis bezahlt werden. Und Gott, für den tausend Jahre wie ein Tag sind, wusste schon was 30 Jahre später am Karfreitag geschehen wurde. Aber er wusste auch von Ostersonntag!
Liebe Gemeinde, es ist Weihnachten. Und wir wollen alle fröhlich sein. Und Gott will, dass wir heute alle fröhlich sind. Wie der Prediger Salomo sagte, alles hat seine Zeit. Und heute ist eindeutig die Zeit für Freude. Ich wünsche uns allen heute zwei Dinge: Dass wir eine Wertschätzung dafür haben, was Jesu Geburt Gott gekostet hat. Dass wir versehen, warum er geboren wurde.
Und ich möchte, dass wir über die Weihnachtstage wie Maria innehalten und das Wunder der Geburt Jesu verspüren, das in Worte nicht zu fassen ist. Amen
Gerald MacDonald
KONTAKT
Ev. Kirchengemeinde
Zinzendorfplatz 3
78126 Königsfeld im Schwarzwald
Telefon: 07725 9382-0
E-Mail: gemeindebuero@koenigsfeld.org
