Predigt am 9. August 2026 · 16. Sonntag nach Trinitatis
2. Timotheus 1, 7-10 und Johannes 11, 1-3 und 17-45 (Schriftlesung)
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Liebe Schwestern und Brüder,
Paulus sitzt im Gefängnis und trägt Ketten. Sein Name ist gefährlich geworden. Wer ihn besucht, zeigt öffentlich, auf welcher Seite er steht, und muss damit rechnen, selbst verdächtigt zu werden. Vielleicht verliert er Freunde, Ansehen oder Arbeit. Vielleicht bringt er seine Familie in Gefahr.
Darum ist es verständlich, dass Menschen Abstand halten. Im zweiten Brief an Timotheus heißt es später, dass sich viele aus der Provinz Asia, der heutigen Westtürkei, von Paulus abgewandt haben. Phygélus und Hermogénes werden mit Namen genannt. Onesiphórus dagegen schämte sich der Ketten des Paulus nicht. Als er nach Rom kam, suchte er ihn, bis er ihn fand.
Stellen wir uns die Lage ehrlich vor: Ein Freund wird verhaftet und wie ein Verbrecher behandelt. Andere fragen, ob man zu ihm gehört. Würden wir sofort sagen: Ja, ich kenne ihn, ich stehe zu ihm? Oder würden auch wir zurücktreten und hoffen, dass niemand weiterfragt?
Es ist in diese Situation hinein, dass Paulus schreibt: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zurechtweisung.
Liebe Brüder und Schwestern, das ist keine Ermahnung aus sicherer Entfernung. Paulus schreibt nicht aus einem komfortablen Kämmerlein über den Mut anderer. Er selbst trägt die Ketten. Er weiß, was sein Bekenntnis kostet und wie leicht ein Mensch furchtsam wird.
Auch Petrus wusste das. In der Nacht, in der Jesus verhaftet wurde, hatte er noch versprochen, ihm überallhin zu folgen. Wenige Stunden später erkannte ihn im Hof des Hohenpriesters eine Magd. Da sagte er: Ich kenne diesen Menschen nicht. Dreimal wurde er gefragt, dreimal ging er auf Abstand. Petrus wollte nicht mit einem Gefangenen in Verbindung gebracht werden.
Seine Verleugnungen waren falsch, aber menschlich verständlich. Die Angst sagte ihm: Rette dich selbst. Sorge dafür, dass niemand dich mit Jesus in Verbindung bringt. Wie Petrus handelten auch die Menschen, die Paulus verließen. Furcht trennt Menschen voneinander. Aus Angst kann ein Freund sagen: Ich kenne ihn nicht. Aus Angst kann eine Gemeinde ein verdächtig gewordenes Mitglied der Gemeinde vergessen. Aus Angst schweigen wir, obwohl wir sprechen müssten.
Paulus beschämt Timotheus jedoch nicht. Er sagt nicht: Wenn du Angst hast, bist du ein schlechter Christ. Er erinnert ihn an Gottes Gabe: Gott hat uns seinen Geist gegeben. Der Mut, den Paulus meint, ist keine angeborene Tapferkeit. Er wächst aus dem Heiligen Geist.
Dieser Geist wirkt Kraft, aber keine rücksichtslose Härte, denn seine Kraft bleibt mit der Liebe verbunden. Und er wirkt Zurechtweisung. Das meint mehr als Tadel. Der Geist bringt einen Menschen wieder zurecht. Er hilft ihm, klar zu sehen, seine Angst einzuordnen und verantwortlich zu handeln. Gottes Geist brüllt Timotheus nicht nieder. Er richtet ihn auf.
Hinter vielen Ängsten steht die tiefste Angst: die Angst vor Verlust und Tod. Darum will ich ein paar Worte zu der Geschichte von Lazarus sagen.
Lazarus ist krank. Seine Schwestern lassen Jesus rufen. Aber Jesus kommt nicht sofort. Als er Betanien erreicht, liegt Lazarus schon vier Tage im Grab. Marta geht Jesus entgegen und sagt: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
In diesen Worten liegen Glaube und Enttäuschung dicht beieinander. Marta traut Jesus etwas zu, und gerade deshalb fragt sie, warum er nicht rechtzeitig gekommen ist. Jesus weist ihre Klage nicht zurück. Später steht er selber am Grab und weint. Der christliche Glaube erklärt die Trauer nicht für überflüssig. Jesus weint, obwohl er weiß, was er tun wird.
Dann sagt er zu Marta: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.
Jesus sagt nicht nur: Irgendwann wird es eine Auferstehung geben. Er sagt: Ich bin die Auferstehung. Unsere Hoffnung ist an seine Person gebunden. Wo Christus ist, da ist das Leben. Dann ruft er Lazarus aus dem Grab. Zu ihm.
Der Tod ist damit nicht aus unserer Erfahrung verschwunden. Paulus sitzt weiterhin im Gefängnis. Lazarus lag wirklich im Grab. Menschen, die wir lieben, sterben. Aber der Tod besitzt nicht mehr das letzte Wort. Er kann ein irdisches Leben beenden, aber keinen Menschen aus der Hand Christi reißen. Er kann Paulus zum Schweigen bringen, aber nicht das Evangelium, das er predigte.
Martin Luther gebraucht für den Glauben an Christus ein starkes, beinahe zärtliches Bild. Zur Lazarusgeschichte sagt er: Das Herz muss sich dem Herrn an den Hals hängen und sprechen: „Ich glaube“. Wenn es zum Treffen kommt, dann falle dem Herrn um den Hals und sprich: „Ich glaube, dass du die Auferstehung und das Leben bist.“
Liebe Schwestern und Brüder, das ist kein heldenhafter Glaube, der aus eigener Kraft über dem Tod steht. Es ist der Glaube eines Menschen, der sich festhält. Wenn unsere Erklärungen nicht mehr ausreichen und die Angst stärker ist als unsere Gedanken, dürfen wir Christus um den Hals fallen. Nicht die Stärke unseres Griffes rettet uns. Entscheidend ist, an wem wir uns festhalten.
Dieses Bild berührt sich mit der Frömmigkeit Zinzendorfs. In seinem Lied heißt es: Herz und Herz vereint zusammen, sucht in Gottes Herzen Ruh. Lasset eure Liebesflammen, lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder; er ist unser, wir sind sein.
Glaube ist auch bei Zinzendorf keine kalte Zustimmung zu einer Lehre. Das Herz sucht Ruhe im Herzen Gottes. Christus ist unser, und wir sind sein. Darum verbindet uns die Bindung an Christus zugleich miteinander. Wer sich Christus an den Hals hängt, kann den Bruder oder die Schwester in der Not nicht gleichgültig vergessen.
Und in „Christi Blut und Gerechtigkeit“ singt Zinzendorf: Drum soll auch dieses Blut allein, mein Trost und meine Hoffnung sein; ich bau im Leben und im Tod, allein auf Jesu Wunden rot.
Zinzendorf schaut nicht an Leid und Tod vorbei. Er schaut auf den verwundeten Christus. Unsere Hoffnung liegt nicht darin, unverwundbar zu werden, sondern darin, dass der Verwundete auferstanden ist. Das Lamm, das getötet wurde, lebt. Und nun verstehen wir besser, was mit dem Geist der Kraft gemeint ist. Kraft bedeutet nicht, dass ein Christ niemals zittert. Petrus zitterte und verleugnete Jesus. Aber der auferstandene Christus gab ihn nicht auf. Am See von Tiberias fragte Jesus ihn dreimal: Hast du mich lieb? Wo Petrus dreimal gesagt hatte: Ich kenne ihn nicht, durfte er nun dreimal seine Liebe bekennen. Christus richtete ihn wieder auf.
Später trat Petrus öffentlich für das Evangelium ein. Das war nicht der Triumph eines Menschen, der endlich stark genug geworden war. Es war die Frucht der Vergebung und des Heiligen Geistes. Petrus wusste nun: Selbst mein Versagen trennt mich nicht von Christus. Ich darf zurückkehren und mich wieder an ihn hängen.
Darum ist die Ermahnung des Paulus kein Ruf zu religiösem Heldentum. Sie lautet: Erinnere dich an den Geist, den Gott dir gegeben hat. Lass dich von ihm aufrichten. Lass deine Kraft von der Liebe bestimmen. Lass dich zurechtbringen, wenn die Angst deinen Blick verengt. Und dann geh zu denen, von denen andere sich distanzieren. Suche den Einsamen, wie Onesiphórus Paulus gesucht hat. Schäme dich nicht des Kranken, des Gefangenen, des Ausgegrenzten oder des Menschen, dessen Name unbequem geworden ist.
Vielleicht besteht christlicher Mut manchmal nur darin, eine Tür zu öffnen, einen Namen nicht zu verleugnen und bei einem Menschen zu bleiben, wenn andere gegangen sind.
Liebe Brüder und Schwestern, wir werden das nicht immer schaffen. Auch wir kennen den Hof des Hohenpriesters und die Versuchung zu sagen: Ich kenne ihn nicht. Aber wir kennen auch Christus, der Petrus wieder annahm, Lazarus beim Namen rief und selbst aus dem Grab auferstand.
Das ist der Mittelpunkt beider Lesungen heute: Christus hat dem Tod die Macht genommen. Deshalb müssen wir unsere Angst nicht verstecken. Wir dürfen sie zu ihm bringen. Wir dürfen ihm um den Hals fallen. Und weil wir an ihm hängen, dürfen wir auch einander festhalten.
Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh. Er ist unser, wir sind sein. Im Leben und im Tod. Amen.
Gerald MacDonald
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