Predigt am 6. September · 14. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 19,1-10
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Liebe Gemeinde,
manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein paar Zentimeter größer. Dann hätte ich keine Probleme, auch an die oberen Regalfächer im Supermarkt zu kommen. Oder ich hätte eine andere Perspektive auf alles um mich herum. Kennt Ihr / Kennen Sie das auch? Manchmal möchte man einfach anders sein.
Zachäus hatte auch ein Problem mit seiner Größe – und nicht nur das. Wir hören den Predigttext aus Lukas 19, 1-10
Und er (Jesus) ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas erzählt uns ausdrücklich: Er war klein von Gestalt. Und so stellt man sich die Szene vielleicht zunächst ganz harmlos vor: Ein kleiner Mann klettert auf einen Baum, um Jesus sehen zu können. Aber Zachäus hat noch ein anderes Problem. Und das ist sehr viel größer. Er ist Oberzöllner. Er gehört zu denen, die im Dienst der römischen Besatzungsmacht stehen, Zölle eintreiben und daran verdienen. Lukas sagt knapp: Er war reich. Das ist keine neutrale Information, aber jetzt wird es spannend: Zachäus ist reich geworden in einem System, das andere belastet. Er ist wirtschaftlich erfolgreich, aber sozial isoliert. Er hat Geld, aber offenbar keinen guten Ruf. Er kann sich vieles kaufen, aber nicht die Anerkennung der Menschen. Und nun kommt Jesus nach Jericho und Zachäus will ihn sehen. Warum? Lukas sagt es nicht. Vielleicht aus Neugier? Vielleicht, weil er schon von Jesus gehört hat? Vielleicht ist da auch etwas in ihm, das er selbst nicht genau benennen kann. Und deshalb überlegt er, wie er es anstellen kann und klettert kurzerhand auf einen Maulbeerfeigenbaum. Was für ein Bild. Ein erwachsener, wohlhabender Mann, ein Mann mit gesellschaftlicher Stellung, sitzt auf einem Baum. Das ist schon seltsam. Aber vielleicht ist gerade darin etwas sehr Menschliches. Manchmal sind wir bereit, ziemlich ungewöhnliche Dinge zu tun, wenn wir etwas unbedingt sehen wollen. Wir steigen auf Bäume – bildlich gesprochen. Wir wechseln die Perspektive. Wir versuchen, einen Blick auf etwas zu bekommen, von dem wir ahnen: Das könnte wichtig sein. Zachäus will Jesus sehen.
Und dann geschieht etwas Überraschendes. Jesus, der durch Jericho zieht, sieht Zachäus. Zachäus möchte Jesus sehen und unerkannt bleiben, aber Jesus sieht ihn bereits, bleibt stehen und sagt: Zachäus, steig schnell herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Er sagt nicht: Zachäus, wir müssen uns einmal über deine Geschäftspraktiken unterhalten oder Beweise erst einmal, dass du es ernst meinst. Oder aber: Wenn du dein Leben geändert hast, können wir uns begegnen. Nein er sagt: Ich muss heute in deinem Haus einkehren. Das ist ein erstaunlicher Satz. Jesus lädt sich bei Zachäus ein und die Leute sind empört und verstehen die Welt nicht mehr. Als sie das sahen, empörten sie sich alle und sagten: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Man könnte sagen: Die Menschen haben mit ihrer Diagnose gar nicht so Unrecht. Zachäus ist tatsächlich schuldig geworden. Sein Reichtum ist nicht einfach eine harmlose Erfolgsgeschichte, sondern sein Leben hat auf Kosten anderer funktioniert. Aber Jesus begegnet ihm nicht zuerst mit der Kategorie „Sünder“, sondern mit seinem Namen: Zachäus.
Ich stelle mir vor, wie peinlich es Zachäus gewesen sein muss, dass Jesus gerade ihn anspricht. Sicher hat er sich ertappt gefühlt. Doch Jesus sieht nicht zuerst die Akte, den Ruf, oder die Summe auf dem Konto von Zachäus. Er sieht den Menschen. Wir kennen die Versuchung, Menschen auf das festzulegen, was sie getan haben, und manchmal ist das sogar notwendig. Wer schuldig geworden ist, muss Verantwortung übernehmen. Vergebung bedeutet nicht, Schuld schönzureden. Aber Lukas setzt noch einmal anders an. Es spricht davon, dass ein Mensch größer ist als seine Schuld. Und noch genauer: Ein Mensch ist für Jesus nicht erst dann wieder liebenswert, wenn sein Leben in Ordnung ist. Jesus kommt zu Zachäus, bevor Zachäus irgendetwas vorweisen kann. Und dann geschieht etwas, das wir leicht übersehen. Zachäus sagt: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück. Was ist hier eigentlich passiert? Jesus hat ihm keine moralische Predigt gehalten. Er hat ihm nicht gesagt: Du musst mindestens fünf konkrete Schritte zur Verbesserung vorweisen. Jesus ist ihm begegnet. Zachäus wird dadurch verändert, dass er erfährt: Ich bin gesehen und angesprochen. Ich bin nicht abgeschrieben. Und plötzlich muss er sein bisheriges Leben nicht mehr verteidigen. Er kann es verändern. Eine persönliche Begegnung mit Jesus verändert alles.
Zachäus Verhalten erinnert uns daran: Man kann Jesus sehen wollen, ohne sich von ihm sehen zu lassen. Man kann über Jesus sprechen und trotzdem auf Distanz bleiben. Man kann im Glauben sehr genau wissen, was Nachfolge bedeutet und doch das eigene Leben möglichst unverändert lassen.
Was aber macht Zachäus? Er steigt vom Baum herunter. Das ist sein erster Schritt im Glauben. Er verlässt den sicheren Beobachterposten und geht Jesus entgegen und Jesus geht mit ihm nach Hause. Heute muss ich in deinem Haus einkehren. Das Heute ist wichtig. Lukas verwendet dieses Wort nicht zufällig. Heute, nicht irgendwann. Nicht erst, wenn er seine Biografie bereinigt hat oder wenn alle anderen ihm seine Veränderung abgenommen haben. Heute sagt Jesus ganz deutlich zu ihm. Denn Gott wartet nicht auf die bessere Version von uns, er begegnet uns heute. Mitten in unserem wirklichen Leben, mit dem, was gelungen ist – und dem, worüber wir lieber nicht so gern sprechen. Jesus sagt weiter: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Das Heil kommt von außen, es ist ein Geschenk. Und gerade weil es ein Geschenk ist, kann es ein Leben von innen her verändern. Christus kommt zu dir und deshalb kannst du dein Leben verändern. Jesus sagt: Du bist angenommen – deshalb kannst du auch anders werden.
Und dieses anders werden bleibt nicht abstrakt. Die Hälfte des Besitzes will er den Armen geben. Vierfache Rückerstattung verspricht er denen, die er betrogen hat. Sein Glaube wird konkret. Denn eine Begegnung mit Jesus, die keine Konsequenzen für unseren Umgang mit Menschen hat, wäre eine merkwürdige Begegnung. Zachäus entdeckt: Was ich besitze, gehört nicht einfach nur mir. Meine Beziehung zu Gott lässt sich nicht von meiner Beziehung zu den Menschen trennen. Das ist ausgesprochen aktuell. Denn auch wir leben in einer Welt, in der die Frage nach Geld, Besitz, Gerechtigkeit und Verantwortung nicht an der Kirchentür endet. Und wir können auch uns heute fragen lassen: Was verändert die Begegnung mit Jesus konkret an meiner Art zu leben, n meinem Umgang mit Geld, mit Macht, mit Menschen, die weniger Einfluss haben, als ich? Und was ändert sich, an meiner Bereitschaft, einen Fehler nicht nur zu bedauern, sondern wiedergutzumachen?
Zachäus hat erfahren hat, dass die Gnade Gottes größer ist als seine Schuld. Jesus hat ihn gesehen und ist bei ihm eingekehrt. Und so sieht Jesus auch uns und will zu jedem Einzelnen von uns kommen. Wir feiern heute das Abendmahl miteinander, weil Jesus uns alle einlädt. Lasst uns zu ihm kommen.
Amen
Gabriele von Dressler
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