Predigt am 3. Mai 2026, Kantate
2. Chronik 5, 1-7; 11-14
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Liebe Brüder und Schwestern,
Bevor es eine Predigt gab, gab es ein Lied.
Bevor Mose die Tafeln vom Sinai herabbrachte, griff Mirjam zu ihrem Tamburin. Bevor David König wurde, war er Hirte und Sänger. Bevor die Engel die Geburt Christi mit einer „theologischen Aussage“ verkündeten, brachen sie in Gesang aus: „Ehre sei Gott in der Höhe!“
Und hier bei uns in der Brüdergemeine, die Zinzendorf nicht allein auf Lehren, sondern auf Hymnen, auf den Losungen, auf der Musik eng verbundener Herzen erbaut hat – wissen wir etwas, das die akademische Welt manchmal vergisst: Das Herz spricht in Musik, bevor es in Worten spricht.
Heute möchte ich Sie auf eine kleine Reise mitnehmen. Wir werden bei der Einweihung des Salomonischen Tempels stehen und zuhören was dort geschieht. Wir werden uns mit Psalm 98 und seinem außergewöhnlichen Aufruf beschäftigen, ein neues Lied zu singen. Und dann werden wir auf das Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ schauen – als Beispiel dafür, wie Gnade nicht nur erklärt, sondern gesungen wird.
Wir hören nun den Predigttext aus 2. Chronik 5. Ich lese aus der Übersetzung Hoffnung für Alle.
Liebe Schwestern und Brüder, wir befinden uns an einem der wichtigsten Momente in der gesamten Geschichte Israels. Salomo hat den Tempel vollendet. Sieben Jahre Bauzeit. Hunderttausende von Arbeitern. Zedernholz aus dem Libanon, Gold und noch mehr Gold, Steinmetzarbeiten von unbeschreiblicher Schönheit. Die Bundeslade – die Wohnstätte der Gegenwart Gottes – soll zum ersten Mal in das Allerheiligste gebracht werden.
Dies ist der große Moment. Die Einweihung des Hauses Gottes.
Und was finden wir, wenn wir den Bericht genau lesen?
Wir finden Sänger.
In Verse 12 und 13 heißt es: 12Auch die Sänger der Leviten waren gekommen: die Familienoberhäupter Asaf, Heman und Jedutun mit ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißem Leinen und standen mit Zimbeln, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Bei ihnen hatten sich 120 Priester aufgestellt, die auf Trompeten spielten. 13Zusammen stimmten die Sänger und Musiker ein Loblied für den Herrn an. Begleitet von Trompeten, Zimbeln und anderen Instrumenten sangen sie das Lied: »Der Herr ist gütig, seine Gnade hört niemals auf!«
Und dann sagt uns Vers 14 etwas Außergewöhnliches: „Da füllte sich der Tempel mit einer Wolke, und die Priester konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten, denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte den Tempel Gottes.“
Liebe Schwestern und Brüder, dort steht nicht: „Und dann hielt Salomo eine große Predigt, und die Herrlichkeit Gottes erfüllte den Tempel.“ Es heißt auch nicht: „Und die Priester disputierten stundenlang über theologische Feinheiten, bis die Schechina endlich herabkam.“
Nein, liebe Schwestern und Brüder, die Herrlichkeit kam, als die Musik begann.
Die Wolke, die Schechina, die Gegenwart des lebendigen Gottes, kam als Antwort auf den Gesang. Einhundertzwanzig Trompeten. Die vereinten Stimmen der levitischen Chöre. Der Klang von Zimbeln, Harfen und Leiern. Und in diesen Klang, in diesen heiligen Lärm hinein, kam die Herrlichkeit Gottes so mächtig herab, dass die Priester nichts mehr machen konnten. Sie konnten ihre Pflichten nicht weiter erfüllen. Sie waren überwältigt. Sie waren ja überflüssig. Denn Gott war schon da.
Der bedeutendste Moment in der Religionsgeschichte Israels – die Einweihung des Tempels, der Wohnstätte Gottes unter seinem Volk – war nicht durch Predigten gekennzeichnet. Er war durch Musik gekennzeichnet. Und Gott reagierte nicht auf eine ausgeklügelte Predigt, sondern auf den Klang von Stimmen und Instrumenten, die sich gemeinsam zum Lobpreis erhoben.
Die Sänger waren Leviten. In der religiösen Struktur Israels waren die Leviten der priesterliche Stamm – ausgesondert für den Dienst an Gott. Ihre Rolle war heilig. Ihre Arbeit war heilig. Und hier, in diesem höchsten Moment, war ihre heilige Arbeit, ihr priesterlicher Dienst, der Gesang.
Liebe Schwestern und Brüder, bevor wir weitergehen, lasst uns einfach in diesem Wunder verweilen. In unser Tradition wissen wir, dass Musik keine bloße Zugabe ist. Dass Singen kein vorläufiges Aufwärmen ist, bevor der eigentliche Gottesdienst beginnt. Die Einweihung des Tempels sagt uns etwas, das wir schon immer gewusst haben:
Musik ist nicht der Auftakt zur Gegenwart Gottes. Musik ist der Ort, an dem die Gegenwart Gottes eintrifft.
„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat Wunderbares getan.“
Psalm 98 beginnt nicht mit einer theologischen Aussage. Er beginnt nicht mit: „Verkündet dem Herrn eine neue Lehre.“ Er sagt nicht: „Formuliert für den Herrn ein neues Bekenntnis.“ Er sagt nicht einmal: „Haltet dem Herrn eine neue Predigt.“
Er sagt: Singt.
Und dann steigert sich das Ganze durch den gesamten Psalm. In Vers 4 kann sich der Psalmist kaum noch zusammenreißen: „Jubelt vor dem Herrn, ihr ganze Erde, bricht in jubelnden Gesang mit Musik aus; spielt dem Herrn auf der Harfe, mit Harfe und Gesang, mit Trompeten und dem Klang des Widderhorns – jubelt vor dem Herrn, dem König.“
Trompeten. Harfen. Posaunen. Liebe Schwestern und Brüder, dies ist keine ruhige, geordnete, lehrmäßige Darlegung. Es ist ein Ausbruch. Es ist das Herz, das tut, was das Herz tut, wenn es auf etwas gestoßen ist, das zu groß für Worte ist.
Und es ist dieselbe Sprache, die wir bei der Tempeleinweihung hören, dort hörten wir fast dieselben Instrumente: Trompeten, Harfen und Zimbeln. Dasselbe Vokabular. Derselbe überwältigende, herabstürzende, unaufhaltsame Klang. Psalm 98 beschreibt kein hypothetisches Ideal. Er beschreibt das, was bereits geschehen ist, als die Herrlichkeit Gottes den Tempel erfüllte. Es ist die theologische Reflexion über das musikalische Ereignis.
Und es lässt mich fragen: Wenn der Psalm die theologische Reflexion über das musikalische Ereignis ist, bedeutet das nicht, dass die Musik zuerst da war? Dass die Begegnung der Erklärung vorausging? Dass das Lied nicht das Beiwerk der Theologie war, sondern die Theologie der Versuch war, das Lied zu erklären?
Warum das Lied? Ganz einfach. Weil Gott Wunderbares getan hat. Der Psalmist hat etwas gesehen, etwas erlebt, das sich nicht in einem Satz fassen lässt. Es muss gesungen werden.
Und schauen wir, was als Nächstes geschieht. Der Psalm sagt, Gott habe sein Heil, seine rettende Tat offenbart. Die Völker haben es bezeugt. Die Enden der Erde haben es gesehen. Das ist nichts Privates, innerliches, bloß subjektives. Nicht „my own personal Jesus“. Es ist kosmisch. Und der Kosmos gibt eine Antwort darauf: „Es tönet das Meer und alles, was darin ist, die Welt und alle, die darin wohnen. Die Flüsse klatschen in die Hände, die Berge jubeln gemeinsam.“ Das ist ja wieder Musik. Keine Predigt.
Und liebe Schwestern und Brüder, Der Psalm erklärt das Heil nicht. Er besingt es.
Das Lied IST die Theologie. Die Musik IST die Verkündigung. Es gibt keine Kluft zwischen der Botschaft und dem Medium. Form und Inhalt sind eins.
Liebe Schwestern und Brüder, bevor es dem großen Theologen Luther gab, gab es den verängstigten Mönch Luther.
Vor den Reformationserklärungen, den öffentlichen Debatten, den Schriften über die Rechtfertigung aus dem Glauben – gab es einen einsamen Mann, allein mit seiner Angst, ringend mit einem Gott, den er nicht zufriedenstellen konnte, zerbrochen unter der Last seiner eigenen Unzulänglichkeit.
Wie die Priester bei der Tempelweihe, die in der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes nicht bestehen konnten, konnte Luther nicht vor einem Gott bestehen, den er nur als Richter erlebte. Er erfüllte jede religiöse Pflicht. Er beichtete wie ein Besessener. Er kasteite seinen Körper. Er tat alles, was das System verlangte. Und doch kam die Wolke nicht. Doch erfüllte die Herrlichkeit nicht das Haus seines Herzens.
Und dann brach die Gnade durch. Derselbe Gott, dessen Herrlichkeit die Tempelsänger überwältigte, offenbarte sich nicht als Zerstörer, sondern als Retter. Nicht als verurteilender Richter, sondern als liebender Vater. Und als diese Offenbarung kam; als Luther endlich erlebte, was die Leviten erlebt hatten, als die Herrlichkeit seinen eigenen inneren Tempel erfüllte, was tat er?
Er schrieb ein Lied.
„Nun freut euch, lieben Christen g’mein“, „Nun freut euch, liebe Christen alle“, ist eine von Luthers frühesten und persönlichsten Kompositionen. Es ist reine Biografie. Und es ist zugleich tiefgründig theologisch. Das Lied beinhaltet einige der tiefgründigsten theologischen Inhalte, die Luther je verfasst hat.
Und es beginnt nicht mit einer Lehre, sondern mit einer Einladung zur Gemeinschaft in Freude:
„Nun freut euch, lieben Christen g’mein, und lasst uns fröhlich springen.“
Kein akademischer Vortrag, sondern Worte von einem Mann, der befreit wurde, der seine Nachbarn an der Hand nimmt und sie zum Tanz mitzieht. Es ist derselbe Impuls, der die Leviten dazu trieb, ihre Instrumente zu nehmen und ihre Münder zu öffnen, als die Bundeslade heimkehrte. Die Herrlichkeit ist da. Die einzig angemessene Antwort ist das Lied.
Doch dann kommt die Theologie. Und sie ist so dermaßen unverfälscht und ehrlich, wie es theologische Schriften selten zulassen:
Luther beschreibt seinen früheren Zustand – gefesselt, gequält, unfähig, Gott zu gefallen, ertrinkend in seinen eigenen Anstrengungen: „Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren.“
Das ist alles andere als abstrakt. Luther war ja vom Teufel gefangen. Vom Teufel. Konkreter geht es nicht. Luther war ein Mann, der den existenziellen Schrecken seiner Jahre im Kloster beschreibt – die unerbittliche Leistung, den unmöglichen Maßstab, den Gott, der immer zornig und nie zufrieden schien. Luthers früher Kampf war nicht bloß intellektuell. Es war die Qual einer Seele, die keine Ruhe finden konnte. Es war die Qual eines Mannes, der vor dem Tempel Gottes stand, ohne singen zu können.
Und dann kam die Wende. Denn Gott spricht. Und selbst innerhalb des Liedes wird Gottes eigene Stimme in etwas wiedergegeben, das eher einer Lyrik gleicht als einem Vortrag: „Er sprach zu einem lieben Sohn: Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, meins Herzens werte Kron, und sei das Heil dem Armen und hilf ihm aus der Sünden Not, erwürg für ihn den bittern Tod und lass ihn mit dir leben.“
Hier, in diesem Lied, sehen wir dieselbe Bewegung, die wir bei der Tempeleinweihung gesehen haben. Die Herrlichkeit kommt nicht herab, wenn alles perfekt geordnet und theologisch korrekt ist, sondern wenn sich das Herz öffnet und das Lied beginnt. Luthers „Nun freut euch“ ist seine Tempeleinweihung. Es ist der Moment, in dem die Wolke das Haus erfüllt, in dem die Freude zu groß für Prosa ist, in dem die einzige ehrliche Sprache die Musik ist.
Viele Luthers Schriften sind großartig. Sie sind Denkmäler christlichen Denkens. Aber sie bringen einen nicht zum Weinen. Sie lassen einen nicht „vor Freude springen“. Sie bringen einen nicht dazu, die Hand des Nächsten zu ergreifen.
Das Lied tut es.
Das Herz hat eine Sprache, und diese Sprache ist Musik.
Liebe Schwestern und Brüdern, ich sage nicht, dass Theologie keine Rolle spielt. Sie spielt eine enorme Rolle. Sorgfältiges Nachdenken über Gott schützt uns vor Götzendienst, vor Sentimentalität, davor, einen Gott zu verehren, den wir uns selbst ausgedacht haben. Wir brauchen Theologie. Selbst der Tempel hatte seine Architektur, seine vorgeschriebenen Rituale, seine sorgfältige Ordnung. Die Form ist wichtig.
Aber ich behaupte: Das Herz hat eine Sprache, die die Theologie allein nicht sprechen kann.
Ich merke immer wieder bei Trauerfeiern hier im Kirchensaal, dass wenn ein Mensch zu weinen beginnt, es ist nie wegen etwas, dass ich hier sage. Es ist während eines Liedes, das der Betroffene selber mitsingt.
Wenn wir zusammenkommen und gemeinsam singen – viele Stimmen, viele Geschichten, viele Wunden und viele Freuden, dann geschieht etwas Transzendentes, etwas, das mehr ist als die Summe der einzelnen Stimmen – dann erleben wir, was auch Salomo erlebte, als 120 Trompeter und alle levitischen Sänger im Einklang einstimmten und die Herrlichkeit Gottes herabkam.
Viele Stimmen. Ein Lied. Ein Geist. Eine Herrlichkeit.
Deshalb gebietet uns Psalm 98 zu singen. Nicht, weil Singen eine nette Art ist, einen Gottesdienst zu beginnen. Sondern weil Singen das Ehrlichste ist, was wir vor Gott tun können. Es umgeht unsere Abwehrmechanismen. Es erreicht Teile von uns, vor denen unsere vorsichtige, kontrollierte theologische Sprache uns schützt. Wenn wir singen, stehen wir vor Gott nackter da, als wenn wir sprechen. Verletzlicher. Offener.
Und genau dort will Gott uns haben.
Die Priester bei der Tempelweihe waren überwältigt von dem, was geschah, als sie sangen. Sie konnten nicht stehen. Sie konnten ihre gewöhnlichen religiösen Pflichten nicht erfüllen. Die Herrlichkeit war zu viel. Und ich möchte Ihnen heute Morgen nahelegen, dass dies kein Problem ist, das gelöst werden muss. Es ist vielmehr ein Ziel, das anzustreben ist.
Wenn die Musik unsere Abwehr durchbricht und wir nicht mehr stehen können, wenn die Tränen kommen und wir nicht sicher sind, warum, wenn die Freude aufsteigt und wir uns dabei ertappen, wie wir springen, fröhlich springen. Dann ist das kein emotionaler Überfluss. Das ist die Wolke, die den Tempel erfüllt. Das ist die Herrlichkeit Gottes, die uns an dem einzigen Ort begegnet, an dem wir wirklich offen sind, sie zu empfangen.
Die Musik steht nicht an zweiter Stelle. Die Musik ist das Zeichen, dass wir angekommen sind.
Amen.
Gerald MacDonald
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