Taufansprache 26. April 2026
Taufspruch: 2. Timotheus 1,7
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Liebe Mareike Carolin, liebe Eltern Friederike und Claudius mit Daniel, liebe Paten, liebe Tanten und Onkel, Nichten und Neffen, Großeltern, liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Taufspruch ist ein Vers, die in wenigen Worten ein ganzes Lebensprogramm enthält: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ 2. Timotheus 1,7
Es ist ein Satz, der wie ein Mutmachwort auf einer Karte ist. Und wenn wir genauer hinhören, merken wir: Hier spricht kein Mensch, der das Leben romantisiert. Hier spricht einer, der das Leben in seiner ganzen Fülle kennt. Lebenserfahrung nennen wir das. Paulus, der Schreiber, weiß um die Zerbrechlichkeit des Glaubens. Er schreibt an Timotheus seinen Freund und Begleiter nicht aus einer gesicherten Komfortzone heraus, sondern hinein in eine verletzliche Wirklichkeit.
Gerade deshalb hat dieser Satz Gewicht. Paulus spricht vom Geist, der das Leben bestimmen soll. Von der Grundkraft, aus der ein Mensch lebt. Von dem Ton, in dem ein Leben gestimmt ist. Es gibt einen Geist der Furcht — das kennen wir alle. Und es gibt den Geist, den Gott gibt: den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Das ist ein großer Unterschied.
Wenn wir heute Mareike Carolin zur Taufe bringen, dann ist das ein festlicher Moment in ihrem und unseren Leben. Und das ist auch richtig. Taufe ist ein Fest. Aber die Taufe bedeutet noch mehr. In der Taufe wird nicht einfach ein schöner Augenblick gesegnet. In der Taufe sagt Gott einem Menschen zu: Du gehörst zu mir. Nicht erst später, wenn dein Glaube stark genug ist und nicht erst, wenn dein Lebensweg geordnet ist oder du dich bewährt hast., sondern jetzt, ganz am Anfang.
Taufe heißt: Dein Leben beginnt und steht unter einer Verheißung. Und diese Verheißung heißt: Gott will nicht, dass die Furcht dein innerster Herr wird, denn Furcht hat viele Gesichter. Sie tritt nicht immer laut auf. Furcht kann ein Leben eng machen, wie ein Haus, in dem nach und nach immer mehr Türen verschlossen werden. Erst meidet man nur einen Raum. Dann noch einen. Dann noch einen. Und irgendwann lebt man nur noch in einer kleinen, sicheren Ecke, obwohl das Haus viel größer wäre.
Ich glaube, viele Menschen kennen genau das nicht nur im persönlichen Leben, auch im Glauben. Man kann Angst bekommen vor der Zukunft. Vor dem, was kommen kann, vor dem, was aus der Kirche wird, vor dem Verlust von Gewissheiten, vor Konflikten, vor Schuld.
Aber mitten hinein in unsere Sorgen sagt Paulus: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht. Sie hat nicht das letzte Wort. Sie ist nicht die Wahrheit über dein Leben und sie ist nicht die Macht, die dich im Innersten definieren darf. Paulus nennt stattdessen drei Gaben: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Diese drei gehören zusammen. Und gerade zusammen sind sie schön.
Zuerst die Kraft.
Mit Kraft ist hier nicht Härte gemeint oder unbedingter Durchsetzungswille und schon gar nicht eine Art von Stärke, die andere klein macht, um sich selbst groß zu fühlen. Die Kraft, von der Paulus spricht, ist die Kraft, die aus Gottes Geist kommt. Sie ist keine brutale, sondern eine tragende Kraft. Eher wie die Kraft einer tiefen Wurzel. Ein Baum z.B. steht, weil er fest verwurzelt ist, weil seine Wurzeln tiefer reichen, als man von außen sieht. So ist Gottes Kraft. Sie muss sich nicht aufplustern. Sie besteht darin, dass ein Mensch gehalten ist – auch dann, wenn er sich selbst nicht halten kann.
Taufe ist genau solch ein Wurzelzeichen. Wasser wird über den Kopf eines kleinen Menschen gegossen, und äußerlich ist das ein schlichter Vorgang. Aber geistlich bedeutet es: Dieser Mensch soll eingewurzelt sein in Christus. Nicht in die wechselnden Stimmungen des Lebens, sondern in Christus.
Das gibt Kraft – Widerstandskraft. Die Kraft, wieder aufzustehen, wenn man stolpert.
Ja, wir bekommen die Kraft, Gott mehr zu trauen als der eigenen Furcht.
Dann die Liebe.
Es ist bemerkenswert, dass Paulus nicht einfach sagt: Gott gibt Kraft. Punkt. Denn Kraft allein kann kalt werden. Kraft ohne Liebe wird leicht hart. Darum steht die Liebe mitten im Satz, sie ist das Zentrum.
Die Liebe ist die Weise, in der Gott selbst handelt. Wer getauft wird, wird hineingenommen in die Bewegung dieser Liebe. Liebe heißt im biblischen Sinn nicht zuerst Gefühl, sondern den anderen nicht als Bedrohung zu sehen, dem anderen Raum zu geben. Liebe heißt, Lasten mitzutragen, den Wert eines Menschen nicht nach Nützlichkeit bemessen. Liebe heißt: sich dem Leben des anderen zuzuwenden, weil Gott sich uns zugewandt hat. Die Furcht fragt immer zuerst: Was wird aus mir? Die Liebe fragt: Was braucht der andere? Die Furcht verändert den Menschen. Die Liebe richtet ihn auf.
Gerade bei einer Taufe wird das sichtbar: niemand lebt aus sich allein. Wir werden in der Taufe getragen, angesprochen, gesegnet, beim Namen gerufen. Von Gott — und dann auch durch andere Menschen. Durch Eltern, Geschwister, Patinnen und Paten, Tanten, Onkel, Großeltern durch die Gemeinde, später durch Freunde und Vorbilder, durch Vergebung und Gebet. Ein getaufter Mensch ist hineingenommen in eine Gemeinschaft, in eine Geschichte der Liebe Gottes mit seiner Kirche. Die Taufe ist Gottes Handeln an einem Menschen und heute an Mareike Carolin. Die Taufe ist ein Zuspruch Christi.
Und schließlich die Besonnenheit.
Vielleicht ist das das überraschendste Wort in diesem Vers. Man hätte erwarten können: Kraft und Glaube und Mut. Aber nein: Besonnenheit. Besonnenheit ist ein großes Wort. Es meint einen klaren, wachen, geordneten Sinn. Die Fähigkeit, zu unterscheiden und nicht jedem Impuls zu folgen. Besonnenheit ist geistliche Nüchternheit und das Gegenteil von Panik.
Und so bitten wir heute für Mareike Carolin: Wir wünschen Dir die Kraft zum Handeln. Wir wünschen Dir Liebe, Die Liebe, die Dir die Richtung des Handelns zeigt und die Besonnenheit als das Maß Deines Handelns.
Wie gut, dass Paulus alle drei zusammen nennt. Denn Liebe ohne Besonnenheit kann blind werden. Besonnenheit ohne Liebe kann kühl werden. Kraft ohne beides kann gefährlich werden.
Aber wo Gottes Geist wirkt, da wächst ein Leben, das zugleich kräftig, liebevoll und klar werden darf.
Amen
Gabriele von Dressler
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