Unitätsgedenktag am 1. März 2026
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Liebe Schwestern und Brüder,
heute erinnern wir uns an den kleinen, zerbrechlichen Anfang, der über Jahrhunderte hinweg zu einem lebendigen Zeugnis des Evangeliums wurde. Im Jahr 1457 versammelte sich in Kunvald, im heutigen Tschechien, eine kleine Gemeinschaft von Gläubigen, aus der die Evangelische Brüder Unität hervorgegangen ist. Und sie versammelten sich damals nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung. Sie glaubten etwas. Und sie waren wegen ihres Glaubens bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die frühen Brüder hatten wenig von dem, was die Welt Sicherheit nennt. Sie kannten Misstrauen, Widerstand, Verfolgung. Und doch hielten sie sich an eine unerschütterliche Wahrheit: Durch Christus haben wir Frieden mit Gott.
Wer die frühe Geschichte der Unitas Fratrum kennt, weiß: dieser Friede war nie politischer Friede. Er bedeutete nie gesellschaftliche Anerkennung. Er bedeutet Versöhnung mit dem lebendigen Gott. Die Gründer der Brüder-Unität waren tief geprägt vom reformatorischen Zeugnis des Jan Hus, der die Kirche zurück zu Christus, zur Heiligen Schrift und zu einem heiligen Leben gerufen hatte. Hus bezahlte für dieses Streben mit seinem Leben. Doch der Same des Evangeliums, den er ausstreute, brachte Frucht in Gemeinschaften, die vertrauten: Gerechtigkeit kommt allein aus Glauben.
Der Friede mit Gott war der Anker der frühen Unitas Fratrum. Und er ist auch unser Anker. An diesem Gedenktag werden wir daran erinnert: Kirche beginnt nicht mit Gebäuden, Institutionen oder Strategien. Sie beginnt mit Gnade. Sie beginnt bei Gott. Paulus schreibt: „Durch ihn haben wir Zugang im Glauben zu der Gnade, in der wir stehen.“
Liebe Brüder und Schwestern, auch wir stehen in dieser Gnade.
Die Geschichte der Brüder-Unität kennt Zeiten der Zerstreuung und der Erneuerung. Jahrhunderte nach 1457 fanden die Nachkommen der frühen Brüder-Unität Zuflucht auf dem Gut des Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in Herrnhut. Im Jahr 1727, nach Spannungen und geistlichem Ringen, erlebte die Gemeinschaft eine tiefe Erneuerung der Einheit und Liebe durch den Heiligen Geist.
Doch ob 1457 oder 1727 – ihre Stärke war nicht menschliche Harmonie, sondern Gottes Gnade.
Wir stehen nicht in unseren Leistungen.
Wir stehen nicht in vollkommener Einigkeit.
Wir stehen nicht mal im historischen Erbe, obgleich wir das heute feiern.
Wir stehen in Gottes Gnade.
Gnade bedeutet: Christus hält uns, auch wenn unsere Einheit zerbrechlich ist.
Gnade bedeutet: Die Kirche besteht nicht, weil sie fehlerlos ist, sondern weil Gott sie hält.
Paulus schreibt, dass wir „uns der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes rühmen.“ Hoffnung ist nicht bloß Optimismus. Hoffnung ist Zuversicht, die in Gottes Verheißung gegründet ist.
Die Brüder-Unität wurde bekannt für ihren missionarischen Eifer. Aus kleinen Orten gingen Männer und Frauen in die Karibik, nach Grönland, nach Afrika, nach Nordamerika – sie brachten das Evangelium zu Versklavten, zu indigenen Völkern und in ferne Länder.
Warum gingen gewöhnliche Menschen so große Risiken ein? Weil die Hoffnung stärker war als die Furcht. Sie glaubten, dass die Herrlichkeit Christi die Erde erfüllen würde. Sie glaubten, dass jede Nation, jeder Stamm, jede Sprache ihm gehört. Ihre Hoffnung war nicht, dass sie erfolgreich sein würden – sondern dass Christus herrscht. Das sieht man in dem Erstlingsbild, das oben im kleinen Saal hängt. Die ersten Konvertiten aus den Missionsgebieten mit Jesus in ihrer Mitte.
Und die Hoffnung, die in Christus gegründet ist, schrumpft nicht in dunklen Zeiten. Paulus schreibt: „wir rühmen uns auch der Bedrängnisse …“ Und das ist vielleicht der erstaunlichste Teil. Nicht nur in der Hoffnung rühmen wir uns – sondern auch in der Bedrängnis.
Die Brüder und Schwestern kannten Leid. Sie kannten Vertreibung, Gefangenschaft, Verlust, Unsicherheit. Doch, sagt Paulus, Bedrängnis bringt Geduld hervor, Geduld bringt Bewährung und Bewährung bringt Hoffnung. Das ist kein Leid um des Leides willen. Nein. Es ist Leid, das durch Gnade verwandelt wird. Wenn Glaube Druck übersteht, wird er tiefer. Wenn Liebe Konflikte übersteht, wird sie reifer. Wenn eine Gemeinschaft Not übersteht, wird sie stärker.
Der bekannte Wahlspruch der Brüder-Unität lautet: „In den wesentlichen Dingen Einheit, in den unwesentlichen Freiheit, in allen Dingen Liebe.“ Ob diese Worte genau so aus den Anfängen stammen oder später formuliert wurden – ihr Geist entspricht dem, was Römer 5 beschreibt: Bewährung, die durch Prüfung wächst.
Gott verschwendet kein Leid. Er formt Hoffnung daraus. Und Paulus schreibt: „Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.“ Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Fundament von allem.
Nicht menschliche Entschlossenheit.
Nicht konfessionelle Identität.
Nicht historischer Stolz.
Es ist die Liebe Gottes, ausgegossen in unsere Herzen.
Dass die Brüder-Unität über Jahrhunderte Bestand hatte, ist kein Denkmal menschlicher Widerstandskraft. Es ist ein Zeugnis göttlicher Liebe. Der gleiche Geist, der die Unität 1457 trug, ist auch heute unter uns. Die gleiche Liebe, die in ihre Herzen ausgegossen wurde, ist auch in unsere Herzen ausgegossen. Darum fragen wir an diesem Gedenktag nicht nur zurückblickend, sondern gegenwärtig:
Stehen wir noch in der Gnade?
Leben wir aus dem Frieden mit Gott?
Rühmen wir uns der Hoffnung?
Vertrauen wir darauf, dass Bedrängnis uns reifen lässt?
Fließt Gottes Liebe durch uns in diese Welt?
Die Gründung der Brüder-Unität erinnert uns daran: Gott beginnt oft mit kleinen, treuen Gemeinschaften. Mit Menschen, die beten. Die singen. Die vergeben. Die in der Gnade stehen.
Und Hoffnung – wirkliche, vom Geist gewirkte Hoffnung – wird nicht zuschanden.
Nicht 1457.
Nicht 1727.
Und auch heute nicht.
Möge Gott uns schenken, dass wir – wie die frühen Brüder – ein Volk sind, gerechtfertigt aus Glauben, stehend in der Gnade, uns rühmend der Hoffnung, und gewiss, dass die Liebe Gottes uns trägt und sendet.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Gerald MacDonald
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